Wieder Proteste, wieder Schüsse, wieder Tote

In Syrien sind bei erneuten landesweiten Protesten gegen Präsident Assad nach Angaben von Menschenrechtlern mindestens 17 Demonstranten erschossen worden. Sicherheitskräfte hätten nach den Freitagsgebeten auf Demonstranten gefeuert. Die Opposition lässt sich davon aber offenbar nicht einschüchtern.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Hörfunkstudio Dubai

Syriens Opposition demonstriert in Hama.
Syriens Opposition ist wieder auf der Straße: Protest in Hama.

Vor einer Woche hatte das Motto der Freitagsdemonstrationen gelautet: „Nein zum Dialog“, heute verlangten die Demonstranten „Freiheit für die Geiseln“ – so eine Internetseite, die zu einem wichtigen Instrument der Opposition geworden ist. Alle Inhaftierten müssten auf freien Fuß kommen, es gehe – so hieß es auf der Website – um „Freiheit für die Gefangenen“ und um die „Würde freier Menschen“.

Damaskus, Hama, Homs…

Angaben der Opposition zufolge waren die Demonstrationen heute die bislang größten seit Beginn der Protestwelle. Die Rede ist von mehreren Hunderttausend Menschen, die an zahlreichen Orten auf der Straße waren. Ein Sprecher der oppositionellen „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ sagte, der heutige Tag war eine Herausforderung für die Behörden, denn erstmals seien auch steigende Teilnehmerzahlen bei Protesten in Damaskus gemeldet worden. In mehreren Vierteln der syrischen Hauptstadt sollen mindestens 20.000 Menschen auf den Straßen gewesen sein. Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer, mindestens neun Demonstranten seien ums Leben gekommen. Besonders große Proteste gab es auch im Zentrum des Landes, in Hama und in Homs, und im Osten, in Deir al Sor.

Der US-Botschafter warnt

Bereits in den vergangenen Tagen hatte es mindestens neun Tote bei Militäreinsätzen gegen die Regierung in Syrien gegeben. Aktivisten sprachen daraufhin von einem spürbar härteren Kurs der Regierung, die sich offenbar dafür rächen wolle, dass die Opposition dem Nationalen Dialog am vergangenen Wochenende fast geschlossen ferngeblieben war.

Der US-Botschafter in Damaskus, Robert Ford, warnte Präsident Baschar al Assad. In einem Zeitungsinterview sagte Ford, sollte Assad nicht Reformen in dem Tempo umsetzen, in dem die Demonstranten es verlangten, werde ihn „die Straße hinwegspülen“.

US-Botschaft in der syrischen Hauptstadt Damaskus nach einer gewaltätigen Demonstration
Die US-Botschaft in Damaskus war Anfang der Woche Ziel eines Angriffs von Assad-Anhängern.

Kommt jetzt die Gegenregierung?

Für morgen planen Oppositionelle gleichzeitige Treffen in Damaskus und Istanbul, die über das Internet zusammengeschaltet werden sollen. Man werde als „Rat der Nationalen Errettung“ zusammenkommen und eine Roadmap erarbeiten, mit der das Land den „Despotismus“ überwinden könne. Es gehe darum, einen Mechanismus für den Sturz des Regimes zu formulieren. Womöglich werden auch Mitglieder der sogenannten Örtlichen Koordinierungskomitees dabei sein. Das wäre wichtig. Bislang hatten diese Komitees, bei denen vor allem junge Leute mitmachen, nur im Untergrund gearbeitet und sehr geschickt Proteste organisiert. Vielleicht wird der „Rat der Nationalen Errettung“ sogar so etwas wie eine Gegenregierung bilden. Allerdings bezweifeln einige Dissidenten, dass die syrische Regierung das Treffen in Damaskus zulassen wird.

Original, Google Cache, archive.org

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