„Kein 08/15-Begräbnis“

Nach der traditionellen Zeremonie des „Anklopfens“ ist Otto von Habsburg am Abend in der Wiener Kapuzinergruft beigesetzt worden. Mehrere Tausend Menschen verfolgten das Requiem für den Kronprinzen sowie den Trauerzug durch die Wiener Innenstadt.

Von Ralf Borchard, ARD-Hörfunkstudio Wien

Die Salutschüsse am Wiener Heldenplatz waren nur einer von vielen symbolträchtigen Momenten einer Trauerfeier, mit der Österreich weit in die Vergangenheit blickte. Otto von Habsburgs Lebenswerk könne als Friedensarbeit verstanden werden, als unermüdlicher Versuch, das Unglück, das der 1914 von Kaiser Franz Joseph erklärte erste Weltkrieg über die Menschheit gebracht habe, wieder gutzumachen – das sagte Kardinal Christoph Schönborn beim Requiem im Stephansdom: „Ich bewundere an ihm zwei Haltungen: einerseits die Fähigkeit, sich wach und ohne Scheu auf völlig neue Situationen einzustellen – und andererseits den Mut, die Entschiedenheit, an dem festzuhalten, was er als Erbe und Auftrag aus seiner Herkunft ansah.“

Der Sarg von Otto von Habsburg im Stephansdom
Unter den Trauergästen: Österreichs Bundespräsident Fischer und das schwedische Königspaar.

Die Meinungen des Publikums vor den Großleinwänden in der Wiener Innenstadt waren geteilt: Eine Vorarlbergerin war extra nach Wien gereist, um sich zu verneigen, wie sie sagt, „weil das das Ende einer Ära ist. Und weil ich vor diesem Mann, Otto Habsburg, sehr großen Respekt gehabt habe.“

Andere fanden die Feiern nach Art eines Staatsbegräbnisses unangemessen. Schließlich sei Österreich eine Republik, die Monarchie seit fast hundert Jahren Geschichte, so ein Wiener: „Nein, ich seh’ das nicht ein, dass so viel Geld da rausgeschmissen wird. Er soll sein Ding haben, seine Zeremonie und alles, aber doch nicht so einen Aufwand. Die Stadt – alles muss gezahlt werden, Polizei und das alles. Das ist ein Witz.“

„Das ist kein 08/15-Begräbnis!“

Der Pfarrer des Stephansdoms, Anton Faber, kann solche Kritik nicht verstehen. Wenn der letzte Kronprinz zu Grabe getragen werde, sei das nun einmal kein beliebiges Ereignis: „Ich glaube, wer ein geborener oder auch nur gelernter Österreicher ist, weiß, wie sehr Österreich nur zu verstehen ist aus seiner Herkunft, aus seiner Jahrhunderte alten Herkunft aus dem Kaiserreich, mit der Familie Habsburg. Und wir wären sehr unhöflich und sehr auch der Geschichte nicht angemessen, wenn wir das einfach abhandeln würden wie ein 08/15-Begräbnis.“

Sendungsbild
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  • Tausende Österreicher nahmen Abschied von Otto von Habsburg
  • Länge: 0:02:38
  • Datum: 2011-07-16T23:31:00.000+02:00

Die Kaisergruft unter der Wiener Kapuzinerkirche

Die Kaisergruft, in der Otto von Habsburg beigesetzt wird, ist die Familiengruft der Habsburger und mit mehreren 100.000 Besuchern jährlich ein Touristenmagnet. Zwölf Kaiser und 19 Kaiserinnen aus drei Jahrhunderten liegen dort. Insgesamt haben 146 Mitglieder des Herrscherhauses hier ihre letzte Ruhe gefunden. Auch Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916) und seine Frau Sisi, Kaiserin Elisabeth (1837-1898) sind hier bestattet. Einer Bestattung in der Kaisergruft geht eine kuriose Zeremonie voraus: Ein Geistlicher fragt an der Pforte „Wer begehrt Einlass?“, woraufhin der Zeremonienmeister die adeligen Titel Habsburgs referieren soll. Daraufhin antwortet der Geistliche „Wir kennen ihn nicht.“ Auch die Aufzählung aller Ehrungen und Auszeichnungen hilft nicht weiter. Erst wenn der Zeremonienmeister den einstigen Kronprinzen beim dritten Versuch als „sterblichen, sündigen Menschen“ vorstellt, heißt es „So komme er herein.“

„…ein sterblicher, sündiger Mensch“

„Wer begehrt Einlass?“ – Mit dieser Anklopfzeremonie an der Kapuzinergruft endete der öffentliche Teil der Wiener Begräbnisfeiern. Zunächst verweigerte der Pater symbolisch das Öffnen des Kirchentores, bis der so genannte Anklopfer Otto als das bezeichnete, was jeder am Ende seines Lebens ist: „…ein sterblicher, sündiger Mensch.“ Dann hieß es, der Zeremonie entsprechend: „So komme er herein.“

Endgültig abgeschlossen werden die Trauerfeierlichkeiten in Ungarn. Dort wird auf Otto von Habsburgs eigenen Wunsch sein Herz beigesetzt, im Benediktiner-Kloster Pannonhalma. Der Verstorbene hatte als Kind im Exil im Baskenland von Benediktinermönchen ungarisch gelernt.

Original, Google Cache, archive.org

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