Hunger und Verzweiflung trotz Milliardenhilfen

Eineinhalb Jahre nach dem verheerenden Erdbeben besucht heute Bundesaußenminister Westerwelle Haiti. Er will sich über den Wiederaufbau informieren. Die bisherige Bilanz ist ernüchternd. Der neue Präsident Martelly sagt, er könne nicht erkennen, wohin die Milliardenhilfen geflossen seien.

Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mittelamerika

Die Menschen auf den Straßen von Port-au-Prince demonstrieren gegen Hunger und fehlende Jobs. Auch 18 Monate nach dem schweren Erdbeben hat sich die Lage für viele kaum verbessert. Immer noch leben rund 600.000 Haitianer in Obdachlosencamps. Nur vereinzelt werden zerstörte Häuser in Port-au-Prince wiederaufgebaut. Und die im Herbst ausgebrochene Cholera breitet sich erneut aus – vor allem wohl wegen der Regenzeit und der katastrophalen hygienischen Verhältnisse. „Wir sehen jetzt erneut, dass sich die Cholera ausbreitet – mit sehr vielen Neuinfektionen“, sagt UN-Sprecherin Emmanuelle Schneider. „Nach unseren Zahlen handelt es sich um eine zweite Welle der Cholera.“

Zeltstadt in Haiti
Auch eineinhalb Jahre nach dem Erdbeben leben Hunderttausende Haitianer in Zeltstädten.

Aufbauprojekte liegen auf Eis

Haiti ist gefangen in den Katastrophen. Dabei hatte der neue Präsident Michel Martelly einen echten Wandel versprochen. Aber seit seinem Amtsantritt Mitte Mai herrscht wieder mal politischer Stillstand. Martellys ersten Kandidaten für das Amt des Premierministers lehnte die Opposition im Parlament ab. Ohne neue Regierung liegen viele Wiederaufbauprojekte auf Eis.

Haitis Präsident Michel Martelly
Haitis neuer Präsident Martelly hat bislang die hohen Erwartungen nicht erfüllt.

Der Chefredakteur des einflussreichen Senders Radio Metropole, Richard Widmaier, hält den Start des vermeintlichen Hoffnungsträgers Martelly für wenig geglückt. „Man merkt im Augenblick, dass die Hoffnung auf Wandel schwindet“, sagt er. „Das ist durchaus gefährlich. Die Leute sind verzweifelt, auch wenn das noch nicht in Wut umschlägt. Aber die Erwartungen waren so groß, und jetzt merken die Menschen, dass einfach nichts passiert.“

Manche werfen Martelly eine zu große Nähe zum früheren Diktator Baby Doc Duvalier vor. Der ist immer noch in Haiti und wartet die Ermittlungen gegen ihn wegen Veruntreuung ab. Martelly betont gerne, dass ihn die Anwesenheit Baby Docs nicht störe. Trotz seiner Probleme mit der Justiz sei Duvalier vor allem Haitianer.

Dossier

Ein Land kämpft ums Überleben
Vor einem Jahr bebte in Haiti die Erde – mindestens 220.000 Menschen starben. Die Lage in dem Land – ohnehin eines der ärmsten der Welt – ist weiterhin desaströs. Was ist aus den Spenden geworden? Wie läuft der Wiederaufbau? tagesschau.de zeigt die Situation in Haiti ein Jahr nach dem Beben.

Martelly kritisiert bisherige Verwendung von Hilfsgeldern

Für den Wiederaufbau setzt Präsident Martelly insbesondere auf ausländische Investoren. Bei Besuchen in den USA und Spanien beschwor er die Chancen des Landes – etwa als Tourismusregion. Auch die zugesagten Hilfsgelder – unter anderem aus Deutschland – sollen Haiti voranbringen. Sauber und effizient will er das Geld einsetzen, verspricht Martelly und greift die Vorgängerregierung an. „Ich habe heute als Haitis Präsident ein Problem: Vier Milliarden Dollar sind bereits geflossen und ich kann kein einziges Projekt sehen“, sagt er. „Ich weiß nicht, was mit dem Geld gemacht wurde.“

Ein Bekenntnis, das ausländische Geldgeber kaum erfreuen dürfte. Immerhin: Ein Projekt will Martelly schon bald durchsetzen. Ab Herbst sollen alle Kinder zur Schule gehen können. Bisher blieb jedes zweite wegen der in Haiti üblichen Schulgebühren zu Hause. Bildung für die Kleinen: Wenn Martelly dies gelingt, wird er seinem Ruf als Hoffnungsträger vielleicht doch noch gerecht.

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