Starker Franken verdirbt Schweizer Firmen das Geschäft

Die Schweiz hat ein Problem: Ihre Währung – der Franken – ist derzeit zu stark. Das setzt die extrem exportortientierte Schweizer Wirtschaft unter enormen Druck. Die Politik verteilt Beruhigungspillen und setzt auf den Faktor Zeit – sehr zum Ärger von Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Von Mathias Zahn, ARD-Hörfunkstudio Genf

Vor einem halben Jahr konnte es der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann noch bei Allgemeinplätzen belassen. Zum Wechselkurs sagte er damals: „Es ist, wie es ist: Der Schweizer Franken ist stark.“

Der Schweizer Wirtschaftsminister Schneider-Ammann
Macht in den Augen vieler Schweizer Unternehmen keine gute Figur als Krisenmanager: Wirtschaftsminister Schneider-Ammann.

Inzwischen wächst täglich der Druck auf den Minister. Gewerkschaften und Arbeitgeber schlagen gemeinsam Alarm. Sie sehen Zehntausende Arbeitsplätze in Gefahr. Große Sorgen bestehen zum Beispiel bei der Fostag AG im Kanton Schaffhausen. Sie liefert Anlagen zur Herstellung von Kunststoffteilen. 100 Mitarbeiter sind hier beschäftigt. Mehr als die Hälfte der Produktion gehen in den Euroraum. „Der starke Schweizer Franken ist für uns eine Katastrophe“, sagt Firmenchef Rolf Mühlemann. „Wir werden immer teurer und immer weniger wettbewerbsfähig. Das macht uns natürlich Angst für die Zukunft.“

Als Reaktion auf den starken Franken hat Mühlemann die Produktivität in seinem Unternehmen gesteigert. Die Spielräume sind aber ausgereizt. Andere Mittelständler lassen ihre Beschäftigten bereits länger arbeiten bei gleichem Lohn oder sie haben die Löhne gekürzt. Beim Verband der Maschinen- und Metallindustrie Swissmem heißt es: „Unser Haus steht in Flammen“. Die Hälfte der Verbandsmitglieder denkt darüber nach, die Produktion ins Ausland zu verlagern.

Angst vor Inflation

Arbeitgeber und Gewerkschaften fordern, dass die Nationalbank eingreift. Doch die hält sich im Moment zurück: Um den Franken zu schwächen, könnte sie nur die Inflation anheizen. Der Zürcher Unternehmensberater Klaus Wellershoff hält das für wenig wahrscheinlich, denn mehr Inflation würde bei der Schweizer Bevölkerung nicht gut ankommen. „Die Schweiz ist stolz auf wirkliche Preisstabilität. Die Inflationsrate ist ein ganzes Stück tiefer als im Euro-Raum oder in den USA. Und das aufgeben zu wollen, nur weil zeitweilig die Devisenmärkte verrückt spielen – das ist ein viel zu hoher Preis.“

Streicheleinheiten statt Krisenmanagement

Schweizer Banknoten
Die Euro-Krise treibt den Schweizer Franken auf Höhenflug. Für die exportorientierte Wirtschaft ist das ein Problem.

Beruhigen und abwarten – mehr bleibe der Politik derzeit nicht übrig, sagt Wellershoff. Und Wirtschaftsminister Schneider-Amman scheint das zu befolgen: Konkrete Hilfszusagen an die Wirtschaft gibt es bisher nicht. Stattdessen gibt es unverbindliche Streicheleinheiten. „Ich habe größten Respekt vor der Unternehmerschaft, die sich zur Wehr setzt, indem sie Marktanteile verteidigt.“

Schneider-Amman macht keine glückliche Figur als Krisenmanager: Vor einigen Tagen äußerte er sogar Verständnis für die Schweizer, die im Moment scharenweise über die Grenze nach Deutschland fahren, um dort billig einzukaufen. Der Mittelständler Rolf Mühlemann kann da nur noch mit dem Kopf schütteln: „Man fühlt sich als Unternehmer im Stich gelassen. Unsere Anliegen werden nicht ernst genommen.“

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