Die Verlierer im Silicon Valley

Das Silicon Valley ist eine der reichsten Regionen der Welt. Hier haben Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook ihren Firmensitz. Nach der Finanzkrise sprudeln auch die Gewinne wieder. Trotzdem leben im Valley immer mehr Menschen unter der Armutsgrenze.

Von Jan Tussing, ARD-Hörfunkstudio Los Angeles

Bill Medley lebt seit 1985 im kalifornischen Silicon Valley und hat gutes Geld verdient – bis der 61-Jährige vor zwei Jahren seinen Job verlor. Dann seine Wohnung und schließlich seinen Stolz. „Ich habe viele Emotionen in mir angestaut, ich bin ohnehin sehr emotional.“ Während Bill erzählt, übermannen ihn seine Gefühle und er fängt an zu weinen. „Als ich zur Lebensmittelausgabe kam, musste ich heulen, so wie jetzt. Das ist wohl eine Sache des Stolzes, ich dachte, wie tief bin ich doch gefallen.“

Skyline von San José
Das Silicon Valley reicht im Süden bis nach San José

Noch immer steckt dem ehemaligen Hausverwalter die traumatische Erinnerung in den Knochen. Er sitzt auf einem Stuhl, leicht untersetzt mit freundlichem Gesicht. Heute hat er sich schick gemacht. Er schaut zu, wie die Second Harvest Food Bank, eine Organisation für die Lebensmittelausgabe, ein neues Gebäude einweiht.

Kathy Jackson leitet die Hilfsorganisation, die Nahrungsmittel an Bedürftige verteilt, in San José. Die Amerikanerin ist sehr glücklich, denn die Firma Cypress Semiconductor hat ihrer Organisation ein Gebäude geschenkt im Wert von neun Millionen Dollar. Private Unternehmen springen heutzutage dort ein, wo der Staat versagt.

Lebenshaltungskosten sind zu hoch

Rund 2,5 Millionen Menschen leben in der Region. Kathy berichtet, dass etwa jeder Zehnte von ihnen „Kunde“ bei ihrer Hilfsorganisation ist. „Wir zählen jeden Menschen hier nur einmal. Wenn du einmal im Monat kommst und Essen bekommst, dann zählen wir dich einmal, wenn du 20 Mal im Monat kommst, dann zählen wir dich auch nur einmal. Vor 20 Jahren kamen 90.000 Menschen zu uns. Heute sind es eine Viertelmillion.“ Dass so viele Menschen auf Essensspenden angewiesen sind, liege vor allem an den hohen Lebenshaltungskosten in der Region. „Eine Familie mit 50.000 Dollar Jahreseinkommen kommt hier kaum über die Runden. Wenn sie in Iowa leben würde, wären sie dort Könige.“

„Silicon Valley“

Das Silicon Valley ist der südliche Teil der Metropolregion um die San Francisco Bay Area. Es erstreckt sich vom Süden San Franciscos über Palo Alto, Mountain View, Sunnyvale und Cupertino bis nach San José. In der Region wohnen rund 2,5 Millionen Menschen. Viele arbeiten bei Unternehmen wie Apple, Intel, Hewlett-Packard, eBay, Facebook, Yahoo oder Google. Laut Silicon Valley Index 2011 liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen in der Region bei rund 79.000 US-Dollar. Damit verdienen die Menschen hier im Durchschnitt mehr als im restlichen Amerika. Allerdings sind die Lebenshaltungskosten im Silicon Valley auch höher als in anderen Gegenden der Vereinigten Staaten.

In den vergangenen drei Jahren wurden im Silicon Valley mehr Menschen entlassen als eingestellt. Kaliforniens Arbeitslosenquote liegt mit knapp zwölf Prozent oberhalb der nationalen Quote. Die bedürftigen Menschen, die die Amerikanerin mit Essen versorgt, sind daher nicht mehr die üblichen Obdach- und Arbeitslosen. Inzwischen sind es viele Menschen aus der ehemaligen Mittelschicht. 

Das Silicon Valley boomt – Jobs entstehen woanders

Dabei ist die wirtschaftliche Lage im Silicon Valley für die Unternehmen gar nicht mal schlecht. „Nach einer dreijährigen Durststrecke läuft der Motor wieder“, sagt Russel Hancock vom wirtschaftspolitischen Institut Joint Venture. „Die Stimmung ist gut. Wir sind aus einer sehr schweren Krise herausgekommen. Und die Menschen freuen sich, dass es wieder bergauf geht. Man fühlt das hier, es brummt wieder. Es herrscht Aufregung, und die Leute sind wieder beim Mittagessen und schreiben ihre Ideen auf Servietten.“

Silicon Valley boomt wieder. Nach drei Jahren liegt die Arbeitslosenquote wieder unterhalb von zehn Prozent. Aber der Boom in vielen Branchen führt nicht wie früher auch zu mehr Jobs. Im Silicon Valley entstehen zwar die Ideen, aber die Arbeitsplätze werden in Billiglohnländern geschaffen. Heute arbeiten die Unternehmen mehr denn je global. „Es stimmt. Silicon Valley ist nicht der Arbeitsplatzmotor, für den es viele Leute halten. Youtube zum Beispiel beschäftigt nicht viele Menschen und ist dennoch eine so bedeutende Firma. Sie hat das Videogeschäft im Internet revolutioniert, aber insgesamt beschäftigt das Unternehmen nicht mehr als 300 Menschen.“ Das seien halt nicht mehr die 70er-Jahre, fügt der Ökonom noch an.

Teure Arbeitskräfte durch billigere ersetzen

Crowdflower-Homepage

Chris van Pelt war in den 70er-Jahren noch nicht einmal geboren. Der 29-jährige Amerikaner hat das Start-up-Unternehmen Crowdflower gegründet und macht genau das, was eine vernetzte Welt heute globalen Unternehmen erlaubt: Teure Arbeitskräfte durch billige ersetzen. Alles was man dazu braucht, ist ein Computer. Und der kann in Indien stehen, in China – oder eben in San Francisco. Seine Firma Crowdflower lagere Arbeit an Menschen im Internet aus.“Wir richten uns an Menschen aus der ganzen Welt, die zufällig etwas Freizeit haben, Aufgaben im Internet auszuführen, zum Beispiel für Foren, die den Nutzern Fragen stellen.“

Chris sieht mit seinen struppigen Haaren und seinem Fünf-Tage-Bart eher aus wie ein Student. Sein Büro ist ein altes Fabrikgebäude mitten in San Francisco. Der Jungunternehmer trägt ein ungebügeltes T-Shirt und eine verwaschene kurze Hose. Die ersten acht Monate hat Chris noch von zu Hause aus gearbeitet, er hat die Cafés der Stadt zu seinem Büro gemacht. Das war vor drei Jahren. Heute beschäftigt er 50 Mitarbeiter. In wenigen Jahren sollen es 500 sein.

Jeder zehnte Bekannte bekommt Nahrungsmittel

Das Silicon Valley ist Heimat von 23.000 Start-up-Unternehmen. Gute Ideen sind gefragt wie nie, aber dennoch steigt die Armut. Und für Kathy Jackson von Second Harvest Food Bank ist das bislang nur die Spitze des Eisbergs. „Das ist eines der ernüchternden Dinge bei der Lebenmittelsausgabe. Du glaubst zu wissen, wer hierherkommt. Ja, es sind Obdachlose und es ist die alleinerziehende Mutter mit ihren Kindern. Es ist aber auch dein Nachbar – denk doch nur darüber nach: Jeder Zehnte von denen, die du kennst, bekommt Nahrungsmittel.“

Original, Google Cache, archive.org

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