„Wie in den 80er-Jahren in Äthiopien“

Dadaab in Kenia ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Die Bilder von dort sind erschreckend, doch wer es aus Somalia bis hier geschafft hat, hat weit Schlimmeres hinter sich. Helfer befürchten, dass die Hungersnot in Somalia Ausmaße annimmt wie in den 80er-Jahren in Äthiopien.

Von Antje Diekhans, ARD-Hörfunkstudio Nairobi

Wer es hierher geschafft hat, ist vorerst gerettet. In die Registrierungsstelle im Lager Dadaab kommen jeden Tag fast 2000 Flüchtlinge aus Somalia. Viele haben sich mit letzter Kraft nach wochenlangen Fußmärschen über die Grenze zu Kenia geschleppt. „Zu Hause hatten wir Vieh und haben etwas Land bestellt“, sagt Fatuma Nur. Drei Kinder klammern sich an sie.

„Alle unsere Kamele, Kühe und Ziegen sind verendet, und der Boden war nur noch ausgedörrt. Auf dem Markt konnten wir auch nichts kaufen, Lebensmittel sind ja unbezahlbar geworden“, erzählt Nur. Im Camp bekommt sie eine Karte für Essen – die erste richtige Nahrung seit langem. Auch ihre Kinder kann sie jetzt endlich versorgen.

Der zweijährige Aden nimmt ein notdürftiges Bad in einer Plastikwanne im Lager Dadaab.
Der zweijährige Aden hat es mit seiner Mutter bis ins Lager Dadaab geschafft. Er ist einer von rund 2000 Flüchtlingen, die dort jeden Tag ankommen.

Gleich mehrere Regenzeiten ausgefallen

Die Dürre am Horn von Afrika ist die schlimmste seit langem. Gleich mehrere Regenzeiten sind ausgefallen. Das Vieh ist schon längst gestorben und auf den Feldern wächst nichts mehr. Besonders betroffen ist der Süden Somalias – eine Region, die sowieso schon völlig ausgeblutet ist. Die Menschen leiden seit Jahrzehnten unter Krieg und Auseinandersetzungen.

Die radikal-islamische Al-Shabaab-Miliz hat im Süden die Macht und terrorisiert die Bevölkerung. Bis vor kurzem ließ sie keine Hilfslieferungen zu. „Al Shabaab und die Dürre sind gleich schlimm“, meint Fatuma Khalil, die gerade in Dadaab angekommen ist. „Erst hat Al Shabaab unschuldige Menschen getötet, jetzt tut es der Hunger. Deshalb sind wir nach Kenia geflüchtet.“

Interview

Die Dürre zeigt Somalias Probleme
Bis zu zwölf Millionen Menschen leiden am Horn von Afrika unter einer katastrophalen Dürre. Das Hauptproblem sei aber nicht das Wetter, sagt Somalia-Expertin Petretto. Im Interview mit tagesschau.de erklärt sie, wie verfahren die politische Situation des Landes ist – und welche Rolle westliche Staaten dabei spielen.

Zeitgeschichte

Die Hungerkatastrophe in Äthiopien
Am 23. Oktober 1984 rüttelte eine Reportage der BBC die Weltöffentlichkeit auf. Im Norden Äthiopiens, so der Bericht des Briten Michael Burke, spiele sich eine Hungerkatastrophe von „biblischem Ausmaß“ ab. tagesschau.de zeigt die damalige Berichterstattung in Tagesthemen und Tagesschau.

Kinder auf dem Weg vor Erschöpfung gestorben

Inzwischen hat die Miliz zwar selbst um Hilfe gebeten und sogar logistische Unterstützung bei der Verteilung angeboten. Aber die Organisationen trauen den Zusagen nicht. Vorerst sind die Menschen im Süden Somalias weiter sich selbst überlassen. Für Jens Oppermann von der „Aktion gegen den Hunger“ eine bedrückende Situation: „Es wird so weit gehen, dass die Dürre-Katastrophe, die wir sehen, ein Ausmaß annimmt, das mit dem zu vergleichen ist, was wir Anfang der 80er-Jahre in Äthiopien gesehen haben“, so Oppermann.

„Es ist eine Lage für die Bevölkerung, die auch für uns als humanitärer Organisation und unsere Mitarbeiter oftmals sehr schwer ist zu verdauen. Das muss ich ehrlich sagen: Das Leiden der Bevölkerung hat jetzt ein Ausmaß erreicht, das oftmals unvorstellbar ist.“ Viele der Menschen, die in Dadaab ankommen, erzählen fürchterliche Geschichten. Einige mussten schwache Angehörige zurücklassen, um das eigene Leben zu retten. Mütter berichten, dass ihre Kinder auf dem Weg vor Erschöpfung starben.

Somalische Hirten Viehbestand Kadaver Trockenheit
Hirten in Somalia stehen vor den Kadavern ihrer verendeten Tiere. Trotz der katastrophalen Lage zögern viele Somalier offenbar lange, bevor sie sich auf die Flucht machen.

„Die Menschen zögern, bis es nicht mehr geht“

Allison Oman ist Ernährungsberaterin des UN-Flüchtlingshilfswerks und arbeitet in der medizinischen Station in Dadaab. Fast rund um die Uhr. Trotzdem schaffen sie und die anderen Helfer und Ärzte es kaum, die Menschen zu versorgen. „Im Moment kommen vor allem Frauen und Kinder an. Die Kinder sind in einem sehr, sehr schlechten Zustand. Wir versuchen, sie schnell zu untersuchen, damit sie die Nahrung bekommen, die sie brauchen“, erkärt die Ernährungsberaterin.

Alle können die Mitarbeiter aber nicht retten. Viele haben einfach schon zu lange Hunger gelitten, bevor sie sich auf den Weg nach Dadaab machten. „Leider sterben die Kinder. Die meisten in den ersten 24 Stunden. Die Menschen zögern, bis es nicht mehr geht, bevor sie Somalia verlassen. Sie sind dann zwei bis drei Wochen zu Fuß unterwegs und die Kinder werden immer schwächer. Die Sterblichkeit im Lager hat sich in der letzten Zeit versechsfacht.“

Wie viele im Süden Somalias schon verhungert sind, lässt sich erst gar nicht schätzen. Die Berichte der Flüchtlinge lassen Schlimmes vermuten, aber Gewissheit wird es erst geben, wenn sich tatsächlich die ersten Organisationen wieder in die bisher abgeriegelte Region wagen.

Eine Mutter mit ihrem völlig entkräfteten Kind
Vor allem Kinder sind oftmals bereits völlig entkräftet, wenn sie im Flüchtlingslager Dadaab in Kenia ankommen.

Zelte im Flüchtlingslager Dadaab
Das Lager ist völlig überfüllt. Selbst die zusätzlich aufgestellen Zelte reichen inzwischen nicht mehr aus.

Nahrung könnte selbst im Lager knapp werden

In Dadaab wird die Situation dadurch verschärft, dass das Lager völlig überlaufen ist. Zwar können im Moment noch alle mit Nahrung versorgt werden, aber die Hilfsorganisationen fürchten, dass die Mittel in ein paar Wochen knapp werden, sagt Fafa Attidzah vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. „Wenn die Situation so noch drei, vier Monate anhält, werden wir auch hier eine Krise haben“, so Attidzah. „Wir können nicht so viele Menschen ernähren, ihnen medizinische Versorgung, Wasser und Obdach geben.“

Ursprünglich war das Camp für 90.000 Menschen angelegt, inzwischen leben hier fast 400.000. Neuankömmlinge müssen sich oft einen Platz außerhalb des Lagers suchen. Sie campieren in der unwirtlichen Halbwüste unter den paar Büschen, die hier stehen. „Ich bin vor dem Hunger in meinem Land geflohen“, sagt Abdul Mohammed, ein ausgezehrter, schon etwas älterer Mann. „Ich habe hier Hilfe gesucht, aber keiner hat mir einen Platz für die Nacht gegeben. Jetzt schlafe ich draußen.“

9000 neue Zelte – 10.000 Neuankömmlinge jede Woche

Die Flüchtlinge versuchen, sich mit Plastiktüten und Planen zumindest etwas Schutz zu verschaffen. Aber die Situation zehrt zusätzlich an ihren Kräften. „Wir haben überhaupt nichts“, meint Saouda Mohammed. „Nur die Kleidung, die wir am Leib tragen. Wir brauchen Zelte. Nachts wird es hier so kalt.“ 9000 zusätzliche Zelte für die Flüchtlinge wurden inzwischen aufgetrieben. Aber bei 10.000 Neuankömmlingen jede Woche wird auch das nicht lange ausreichen.

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