Pünktlich zur Propaganda-Show in Sawija

Der Krieg in Libyen taucht zwar seltener in den Schlagzeilen auf, geht aber unvermindert weiter. Um sich ein Bild zu machen, hat sich ARD-Korrespondent Jörg Armbruster auf eine von Gaddafis Leuten organisierte Tour eingelassen – immer begleitet von Aufpassern, die auch aufs richtige Timing achteten. Für tagesschau.de schildert er seine Eindrücke.

Von Jörg Armbruster, ARD Kairo, zzt. Tripolis

Der Revolutionsführer lässt uns warten, vier Stunden lang, an der Grenzstation zwischen Tunesien und Libyen. Bei 40 Grad nicht gerade ein Vergnügen. Doch wer in seine Hauptstadt will, muss sich seinen Spielregeln aussetzen und die sind unberechenbar. Wir haben also Zeit, den heftigen Warenverkehr zu beobachten, der hier über die Grenze in das angeblich isolierte Land rollt.

Lastwagen an Lastwagen rollen vorbei, lange Trucks, hoch beladen. Allerdings können wir nur selten die Ladung identifizieren. Manchmal erkennen wir Lebensmittel – Gemüse und Obst in erster Linie. Das Öl- und Wüstenland Libyen produziert viel zu wenig, um die eigenen Bevölkerung ernähren zu können. Die meisten Lastwagen sind sorgfältig zugedeckt, die Ladung mit Stricken gesichert, vielleicht auch vor Blicken Unbefugter.

Sendungsbild
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  • Jörg Armbruster (ARD) mit Einschätzungen aus Tripolis
  • Länge: 0:03:16
  • Datum: 2011-07-18T07:11:00.000+02:00

Benzin ist knapper als Wasser

Dazwischen sind immer wieder Pickups mit Fässern und Kanistern auf der Ladefläche, gefüllt mit Benzin. Zwischen Tunesien und Libyen gibt es einen regen Tauschhandel: Diesel gegen Benzin. Diesel ist in Libyen billig, dafür in Tunesien teuer. Also füllen Libyer Diesel in Fässer und Kanister, fahren über die Grenze nach Tunesien und verkaufen den Treibstoff an die Tunesier. Für die Einnahmen kaufen sie Benzin. Das ist ein gutes Geschäft, denn Benzin ist im Ölland Libyen knapper als Wasser. Die endlosen Schlangen vor den Tankstellen kenne ich noch von meiner ersten Reise. Dieser Tauschhandel wird von den Grenzern geduldet, wahrscheinlich verdienen sie mit. 

Der Regierungsbus wird durchgewinkt

Endlich gegen 6 Uhr abends kommt der Bus, der uns in die Hauptstadt bringen soll. Andere Transportmöglichkeiten haben wir nicht. Bei der Einreise haben Kontrolleure uns die Pässe abgenommen. Alles geschehe zu unserem Besten, versichern uns diese Offiziellen freundlich. „In Tripolis bekommt Ihr sie wieder!“ Wir, das sind die beiden ARD-Korrespondenten von Fernsehen und Radio, eine Kollegin von CNN und ein Kollege der Nachrichtenagentur AP.

Klimatisiert ist der Bus nicht, dafür sorgt aber der Fahrtwind für reichlich Abkühlung; denn der Bus fährt nicht, er rast so halsbrecherisch, als wolle er die Verspätung wieder einholen. Jedes Auto wird von der Straße gehupt und, wenn das nicht hilft, abgedrängt. An den vielen Straßensperren wird er durchgewinkt. Einen Regierungsbus kontrolliert man nicht.

Kinder halten ein Gaddafi-Bilder
Mit Durchhalteparolen versucht Gaddafi die Menschen bei der Stange zu halten. Dabei ist Benzin im Ölstaat Libyen so knapp wie Wasser. Dieses Bild wurde während einer von der Regierung durchgeführten Reise aufgenommen.

Gehorchen mit versteinertem Gesicht

Die meisten Geschäfte in den Dörfern entlang der Hauptstraße sind geschlossen, die Tankstellen verwaist. Schlangen gibt es nicht mehr. Offensichtlich haben die Libyer die Hoffnung aufgegeben, noch Benzin tanken zu können. Dann wird der Bus langsamer, rollt auf eine dieser verlassenen Tankstellen zu. Ihm geht der Diesel aus, erklärt uns der Begleiter vom Informationsministerium.

Wie aber will er von einer Tankstelle, die nicht mehr in Betrieb ist, Treibstoff bekommen? Ganz einfach! Der Busfahrer geht zu einem Mann, der hier mit seinem Traktor wahrscheinlich schon seit Tagen auf Treibstoff wartet, redet kurz mit ihm. Der Traktorfahrer öffnet seinen Tank und zapft Diesel in einen Kanister, den er selber in den  Bus umfüllt. Mit versteinertem Gesicht. Der Busfahrer drückt ihm einen Dinar in die Hand. Das ist weniger als ein Euro. Dann rast der Bus weiter. Wir sind in der „Großen Sozialistischen libysch-arabischen Volksgemeinschaft“.

Pünktlich zur Rede des Revolutionsführers vor Ort

Genau das bekommen wir bald zu spüren. Tariq, der Aufpasser des Informationsministeriums, ruft uns zu: „Jetzt kommt er!“ Das tut er so begeistert, als künde er einen Popstar an. Gaddafi spricht, nein er brüllt aus dem Autoradio seine alt bekannten Botschaften. „Wir werden nicht nachgeben. Wir kämpfen bis zum letzten Mann!“ Der Aufstand sei vom Ausland gesteuert, von den Amerikanern, den Franzosen und natürlich von den Israelis.

Dann erfahren wir, warum wir so lange an der Grenze warten mussten. Während Gaddafi spricht, erreicht der Bus die letzte große Stadt vor Tripolis, Sawija. „Hier ist Sawija“, brüllt der Revolutionsführer. „Wo sind die Verräter, die Ihr gekauft habt, die Ihr einer Gehirnwäsche unterzogen habt? Wo sind sie? Wir beherrschen Sawija!“

Tausende Menschen in Sawija hören der Rundfunkansprache Gaddafis zu. Das Foto wurde bei einer von der Regierung organisierten Tour aufgenommen.
Tausende Menschen in Sawija hören der Rundfunkansprache Gaddafis zu. Das Foto wurde bei einer von der Regierung organisierten Tour aufgenommen.

Zu Beginn der Aufstände hatten Rebellen die Stadt mit Hilfe übergelaufener Soldaten über einen Monat lang gegen Gaddafis Elitetruppen verteidigen können. Dann eroberten diese Truppen die Stadt zurück und töteten alle Aufständischen. Der Stadtkern ist zerstört. Doch das wird uns nicht gezeigt, als wir durch Sawija fahren.

Draußen auf der Straße sind Tausende Libyer mit grünen Fahnen und Tüchern. Sie tanzen, schwenken ihre Fahnen, schießen mit ihren Kalaschnikows in die Luft. Busse und Lastwagen haben Demonstranten von außerhalb herbeitransportiert. Auch diese Stadt steht hinter dem Revolutionsführer, soll dieser Tag verkünden. Es ist der Abend des 16. Juli. Am 17. Februar hatten die Aufstände im Osten Libyens begonnen und schnell auf Sawija im Westen des Landes übergegriffen.

Unser Bus bahnt sich langsam seinen Weg durch die Masse begeisterter Gaddafi-Fans. Diesen Eindruck sollen wir wenigstens mitnehmen. Tariq, der Begleiter, dreht sich um zu uns, schüttelt begeistert seine Faust und ruft: „Sawija war von diesen Ratten besetzt. Jetzt ist die Stadt frei!“ Das Informationsministerium hat die Busfahrt also genau mit der Ansprache des libyschen Führers abgestimmt. Deswegen mussten wir so lange warten.

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NATO antwortet mit Bombardement

Nach Sawija sind es noch einmal eine dreiviertel Stunde bis Tripolis. Gegen 9 Uhr abends haben wir endlich unseren Goldenen Käfig, das „Rixos Hotel“, erreicht. Ohne Begleitung eines staatlichen Aufpassers dürfen wir es nicht verlassen.

Kurz nach Mitternacht kommt die Antwort der NATO auf Gaddafis Durchhalterede. Eine Stunde lang bombardieren die Kampfflugzeuge Militäranlagen in Tripolis. Für die Zyniker im Hotel ist es eine Art Jubiläumsfeuerwerk. Vor vier Monaten, am 17. März, hatte die UNO die Flugverbotszone über Libyen verhängt und die Angriffe zum Schutz von Zivilisten genehmigt. Vor genau fünf Monaten hatten die Aufstände begonnen.

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