Scotland-Yard-Chef tritt zurück

Die Affäre um die Zeitung „News of the World “ zieht Kreise bis in die Polizei und die Politik. Auch Großbritanniens ranghöchster Polizist, Scotland-Yard-Chef Stephenson, war in den Strudel des Skandals geraten. Wegen „Spekulationen und Anschuldigungen“ trat er nun zurück.

Von Stephan Lochner, ARD-Hörfunkstudio London

Es ist der nächste Donnerschlag im britischen Abhörskandal, der längst kein reiner Medienskandal mehr ist – sondern immer mehr auf Politik und Polizei übergreift. Am Abend erklärte der ranghöchste Polizist Großbritanniens seinen Rücktritt: Paul Stephenson, Chef der Londoner Metropolitan Police. 

„Ich habe diese Entscheidung wegen der andauernden Spekulationen und Anschuldigungen gefällt, die es über Verbindungen der Polizei zu Führungskräften des Murdoch-Verlags News International gibt“, sagte er.

Die Londoner Polizei war in den vergangenen Tagen wegen ihrer Rolle in der Affäre zunehmend in die Kritik geraten. Sie muss sich den Vorwurf gefallen lassen, den Skandal rund um die inzwischen eingestellte „News of the World“ nicht schon viel früher aufgeklärt zu haben – obwohl erste Vorwürfe gegen das Skandalblatt schon vor Jahren aufgetaucht sind.

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  • Norbert Hahn (ARD) zum Rücktritt von Scotland-Yard-Chef Stephenson
  • Länge: 0:01:43
  • Datum: 2011-07-17T22:03:00.000+02:00

Massive Kritik an Stephenson

Paul Stephenson ist auch persönlich massiv in die Kritik geraten, weil er den ehemaligen „News of the World“-Journalisten Neil Wallis zeitweise als Medienberater beschäftigt hatte. Wallis gehört zu den Verdächtigen, die im Zuge der Ermittlungen in dem Skandal festgenommen wurden. Außerdem sind am Wochenende Vorwürfe laut geworden, der Polizeichef habe sich von eben diesem Neil Wallis einen Kuraufenthalt im Wert von mehr als zehntausend Euro bezahlen lassen.

Stephenson beteuert, er habe sich nichts vorzuwerfen – er habe sich kein Fehlverhalten zuschulden kommen lassen. Vom Ausmaß des Abhörskandals, wie es jetzt bekannt werde, habe er nichts gewusst. Mit seinem Rücktritt wolle er Schaden von der Metropolitan Police abwenden und verhindern, dass Diskussionen über seine Person die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in London im kommenden Jahr beeinträchtigten, erklärte Stephenson.  

Spektakuläre Entwicklungen innerhalb eines Tages

Der Rücktritt des Polizeichefs war eine von zwei spektakulären Entwicklungen in der Affäre. Wenige Stunden zuvor war die enge Murdoch-Vertraute Rebekah Brooks vorübergehend festgenommen worden – jene Frau, die noch bis vergangenen Freitag Chefin der britischen Murdoch-Zeitungsgruppe war.

Brooks folgte einer Vorladung und erschien auf einer Londoner Polizeiwache, wo sie in Gewahrsam genommen wurde. Sie muss sich wegen des Verdachts auf Verschwörung zum Abhören von Telefonen und auf Korruption verantworten. Brooks war von 2000 bis 2003 Chefredakteurin der „News of the World“. In ihre Amtszeit fällt ein Großteil der Abhöraktionen durch Reporter des Blattes. Sie hatte bisher stets beteuert, sie habe von den kriminellen Machenschaften nichts gewusst. Daran hat die Polizei offenkundig Zweifel.

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  • Festnahme von Rebekah Brooks
  • Länge: 0:01:29
  • Datum: 2011-07-17T20:23:00.000+02:00

„Murdochs Imperium könnte kollabieren“

Die Festnahme Brooks dürfte den Druck auf Medienmogul Rupert Murdoch und sein Imperium noch weiter erhöhen, meinen Beobachter wie der Medienanalyst Steve Hewlett. Murdoch habe in der Affäre schon viel verloren – und es könne noch schlimmer kommen. „Ich glaube nicht, dass dieses Unternehmen jemals mit einer Krise wie dieser zu tun hatte. Das große Problem ist jetzt, dass diese Firma sehr ungewöhnlich ist“, sagte Hewlett. Sie sei zwar ein weltweit agierender Konzern, aber komplett um die Person Rupert Murdoch gebaut. Er sei der Mann, dem die Investoren trauen und folgen. „Nur: Die Ereignisse der vergangenen zehn Tage erwecken den Eindruck, dass Murdoch vielleicht nicht mehr der starke Mann ist, der er vielleicht mal war. Wenn die Leute das einmal denken, kollabiert das Unternehmen ganz schnell“, so Hewlett.  

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Die Opposition in Großbritannien hat am Wochenende schon die Zerschlagung von Murdochs britischem Konzernteil gefordert. Labour-Parteichef Ed Miliband sagte, die Dominanz der Murdoch-Presse sei ungesund und gehöre per Gesetz beseitigt.

Auch der politische Druck auf Premier David Cameron dürfte mit der Festnahme von Rebekah Brooks steigen. Cameron war mit Brooks eng befreundet – die beiden sind Nachbarn, gingen regelmäßig zusammen reiten und luden sich gegenseitig zu Partys ein.

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