Drei Mal um die Erde und zurück

John Glenn war der erste US-Astronaut, der die Erde im Orbit umkreiste – 1962, zehn Monate nach dem sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin. Heute wird er bei bester Gesundheit 90, und das, obwohl oder weil Glenn mit 77 Jahren zum zweiten Mal in seinem Leben ins Weltall geflogen war.

Von Silke Hasselmann, MDR-Hörfunkstudio Washington

John Glenn vor der Mercury-Atlas 6
Als erster Amerikaner im Weltraum gehört John Glenn zu den bedeutensten Persönlichkeiten der Raumfahrt.

„Wenn John Glenn bereit ist, dann sind wir es auch“, erklärte der NBC-Live-Kommentator am Morgen des 20. Februar 1962 etlichen Millionen Zuschauern. Der Start der „Friendship 7“ sei der Versuch, Amerikas John Glenn in den Orbit zu bringen. Dann der Wortwechsel mit der Kontrollstation: Ersatzmann Scott Carpenter wünschte „Godspeed, John Glenn“ – Gute Reise! Beide waren 1959 mit fünf weiteren Männern von der US-Weltraumbehörde NASA ausgewählt worden, um Amerikas erste Astronauten zu werden. John Herschel Glenn Jr. war damals bereits 38 Jahre alt und ein erfahrener Kampfpilot bei den Marines.

Kampfpilot und Senator

1999 in einem TV-Interview danach gefragt, ob er sich rückblickend hauptsächlich als Kampfpilot begreift, meinte John Glenn: „Ich glaube schon. Ich habe 23 Jahre als Marine- und Kampfflieger verbracht und einige der schwersten Zeiten gehabt, als ich im Zweiten Weltkrieg und in Korea kämpfte. Ich habe später 24 Jahre im Senat zugebracht, auch das gehört zu meinem Leben. Aber wenn ich zurückblicke, haben mich diese früheren Jahre teils im aktiven Kriegskampf am meisten geprägt.“ Auf die Frage, wer der beste Pilot sei, den er kenne, meinte Glenn ohne zu zögern: „Ich.“

Ein Pilot, der nicht fliegen durfte

Im Juli 1957 flog John Glenn jedenfalls einen Weltrekord: Nur drei Stunden und 23 Minuten brauchte er als Testpilot von Los Angeles nach New York, weil er durchgehend Überschallgeschwindigkeit fliegen konnte. Zwei Jahre später kam der Ruf der NASA und ein anschließendes extrem hartes Astronautentraining. Dass sie ihre Pilotenerfahrung zunächst gar nicht wirklich einbringen konnten, weil das Kontrollzentrum die Kapseln komplett steuerte, das wurmte die selbstbewussten, stolzen Männer wie John Glenn. Dennoch: Die knapp fünf Stunden, in denen John Glenn 1962 die Erde dreimal umrundet hatte, brachten ihm dauernden Ruhm.

Mit 77 Jahren zurück ins All

Neil Armstrong und John Glenn auf dem 50. Geburtstag Der NASA
Neil Armstrong (l.), der Erste Mensch auf dem Mond und John Glenn (r.), der als erster Amerikaner das Weltall betrat, auf dem 50. Geburtstag der NASA.

36 Jahre später – man schrieb das Jahr 1998 – kehrte er zurück ins All. An Bord der Weltraumfähre Discovery hoben laut NASA-Kommentar „sechs Astronautenhelden und eine amerikanische Legende“ ab. Denn John Glenn, inzwischen ein einflussreicher demokratischer Senator in Washington, hatte sich an höchster Stelle durchgesetzt. Der damals 77-jährige wollte und durfte beweisen, dass es mental und physisch bestens trainierten Älteren möglich ist, die unerhörten Belastungen eines Weltraumtrips zu meistern.

Dass er heute 90 wird, bemerkt man übrigens nicht, wenn man ihm nur zuhört. Dieser Tage von ABC zu seiner Meinung nach dem Ende des Shuttle-Programms gefragt, schüttelte es den einst überzeugten Antikommunisten: „Dass wir unsere Leute mit der russischen Sojus-Rakete von Kasachstan aus hochbringen lassen müssen, ziemt sich nicht für die weltweit größte Raumfahrtnation, zu der uns Präsident Kennedy gemacht hatte.“

Mit der aktuellen Raumfahrtpolitik unzufrieden

In den letzten sieben Jahren hat auch John Glenn nichts unversucht gelassen, um zunächst die Bush- und dann die Obama-Regierung davon zu überzeugen, die eigenen Weltraumfähren noch so lange fliegen zu lassen, bis Amerika eine neue Generation von Raketen entwickelt hat. Doch letztlich weiß er: In kosmischen Dimensionen gedacht sind diese Übergangsjahre gar nichts. Hauptsache, die Menschen – vor allem die amerikanischen – streben weiter ins All und bleiben Entdecker. Denn der erste US-Astronaut, der die Erde umkreist hat, glaubt fest daran, dass es außerirdisches Leben gibt. „Es wäre überraschend, wenn nicht. Zu glauben, wir wären die Einzigen, ist überheblich.“

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