Cameron gerät ins Kreuzfeuer

In der Abhöraffäre um die „News of the World“ gerät nun auch der britische Premier Cameron verstärkt unter Druck. Er muss erklären, warum er so enge Verbindungen zum Murdoch-Clan pflegte. Der Premier kehrt nun früher von seiner Afrikareise zurück, um an der Parlamentsdebatte zum Thema teilzunehmen. Unterdessen gab es einen weiteren Rücktritt: Der hochrangige Scotland-Yard-Beamte John Yates nahm seinen Hut.

Von Barbara Wesel, RBB-Hörfunkkorrespondentin London

„Polizeichef schießt zum Abschied gegen Cameron“ – mit Schlagzeilen wie diesen verarbeiten die britischen Zeitungen heute die turbulenten Ereignisse vom Wochenende. Überall dominiert der Abhörskandal die Titelseiten, der inzwischen zu einem politischen Feuersturm wird – nur beim Massenblatt aus dem Haus Murdoch nicht. Die Sun bringt auf der Titelseite David Beckham mit seiner neugeborenen Tochter, ein klares Ablenkungsmanöver.

Den britischen Premier David Cameron verfolgt der Skandal aber auf seiner Afrikareise. Die Journalisten in seiner Begleitung wollen nichts über Handelsbeziehung oder ähnliches wissen. Sie fragen nur nach der Murdoch-Affäre. Warum musste der Polizeichef zurücktreten? Liegt es daran, dass er einen früheren leitenden Murdoch-Journalisten als PR-Berater beschäftigt hat? Warum kann dagegen der Premierminister, der doch den Ex-Chefredakteur der „News of the World“ sogar zum Pressechef der Downing Street gemacht hatte, sein Verhalten als ganz normal verteidigen?

Großbritanniens Premierminister David Cameron
Cameron auf seiner Afrikareise bei einer Pressekonferenz.

Schlaglicht auf eine merkwürdige Grauzone

„Die Situation bei der Polizei ist wirklich eine andere als die in der Regierung“, sagt Cameron. „Die Probleme dort haben direkten Einfluss auf die Ermittlungen in dieser Affäre und auf das Vertrauen der Öffentlichkeit. Das betrifft die ‚News of the World‘ und die Polizei selbst.“

Jetzt fällt ein Schlaglicht auf die merkwürdige Grauzone, in der die politische Elite des Landes, die Polizeiführung und der Murdoch-Clan über Jahre allzu enge Beziehungen pflegten. Deshalb kann sich Cameron nicht mehr damit reinwaschen, dass sich ja alle Parteien häufig mit Pressevertretern getroffen haben. Inzwischen geht es auch um Cameron persönlich. Peinlich und schwer zu erklären ist die Enthüllung, dass er sich in 15 Monaten Amtszeit 25 Mal mit Mitgliedern der Murdoch-Familie und deren Topmanager getroffen hat.

In London kursieren Verschwörungstheorien

Der Premierminister sieht sich inzwischen gezwungen, seine Afrikareise zu verkürzen, um am Mittwoch an einer Parlamentsdebatte zum Thema Murdoch-Skandal teilzunehmen.

In der Familie Murdochs dürften inzwischen auch die Anwälte auf Hochtouren arbeiten, um Seniorchef Rupert und Sohn James auf die Fragen des Parlamentsausschusses vorzubereiten. Gestern kursierten in London wilde Verschwörungstheorien dazu: Die Polizei habe nur deshalb die ehemalige Königin des Boulevard, Rebekah Brooks, vorübergehend festgenommen, um ihre Aussage und die der Murdochs vor dem Komitee zu torpedieren. Schließlich könnten sich jetzt alle auf die polizeilichen Ermittlungen berufen und die Aussage verweigern.

Rupert Murdoch unterwegs in London
Cameron soll sich 25 mal in 15 Monaten mit Murdoch oder dessen Topmanagern getroffen haben.

Das befürchtet der konservative Ausschussvorsitzende John Whittingdale eher nicht: „Rupert und James Murdoch wollen mit dem Komitee zusammenarbeiten“, glaubt Whittingdale. „Von ihrem Standpunkt aus würde es einen fürchterlichen Eindruck machen, wenn sie kämen und sich dann hinter Anwälten versteckten.“ Was der Skandal am Ende für das Murdoch-Imperium bedeuten wird, ist noch nicht abzusehen. Britische Beobachter aber glauben, es sei die schwerste Krise in der Geschichte dieses weltumspannenden Unternehmens.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.