Der Tod eines Murdoch-Insiders

Ohne den Wirbel des britischen Abhörskandals wäre der Tod von Sean Hoare vermutlich eine Randnotiz geblieben. Aber er war der Ex-Journalist der „News of the World“, der über die illegalen Praktiken auspackte. Er sprach über den Druck, immer neuen Klatsch auszugraben – mit allen Mitteln.

Von Sebastian Hesse, MDR-Hörfunkstudio London

Sein Tod wird am Ende nur eine Fußnote sein in der Saga um den Abhörskandal, aber die Figur des Sean Hoare verkörpert beispielhaft die Unkultur der britischen Regenbogenpresse. Er ist nur gut 40 Jahre alt geworden, aber am Ende seines Lebens sah er deutlich älter aus – aufgedunsen, verbraucht. Den Großteil seines Lebens als Boulevardjournalist hat Hoare im Dunstkreis von Rockstars und anderen Prominenten verbracht. Er hat mit ihnen gekokst und gesoffen.

Hoare war ein Ziehkind von Andy Coulson, dem später gefeuerten „News of the World“-Chefredakteur und dann zeitweiligen Regierungssprecher von David Cameron. Coulson war Hoares Chef zunächst bei der „Sun“, dann bei der „News of the World“. Deshalb spitzte die Branche auch so sehr die Ohren, als Hoare öffentlich über die Recherchepraktiken der Revolverblätter auszupacken begann.

Hoarse bringt Coulson in Bedrängnis

Andy Coulson
Der ehemalige Cameron-Berater Coulson (Archiv) ist durch die Hoarse-Enthüllungen in Bedrängnis geraten.

Das Abhören von Telefonen und Mailboxen gehörte zum Job, das sei an der Tagesordnung gewesen, behauptete Hoare im Gespräch mit der BBC. „Das illegale Beschaffen von Informationen?“, fragte der BBC-Journalist nach. „Ja!“, war Hoares eindeutige Antwort. Der Druck, immer neue Klatschgeschichten zu produzieren, sei enorm gewesen. „Die Leute hatten Angst: Sie mussten die Geschichte besorgen – egal mit welchen Mitteln.“ Auch das sogenannte „pinging“, also das Lokalisieren von Menschen über die Signale ihrer Mobiltelefone, sei normale Praxis gewesen, behauptet er. Ihn selber hätten seine Vorgesetzten auf Promis angesetzt, um diese auf Drogen auszuhorchen.

„Hat man auch auf Sie Druck ausgeübt?“, wird Hoarse gefragt. „Natürlich“, sagt er, „das ist die Unternehmenskultur bei News International“. In der Zeitungsgruppe von Rupert Murdoch sind die britischen Presse-Erzeugnisse gebündelt.

Ruiniert durch Alkohol und Drogen


Auch die „Sun“ berichtete über den Tod des „whistleblowers“ Hoare (Screenshot)

Hoarse zog aus Eigennutz die Reißleine: Alkohol und Drogen, der Lebensstil eines Klatschreporters, hatten seinen Körper ruiniert. Das Nachhaltigste jedoch, was er öffentlich behauptet hat, sind die Anschuldigungen an die Adresse seines früheren Freundes Coulson. Der habe von den illegalen Abhörpraktiken nicht nur gewusst, sondern diese sogar angeordnet. Coulson, der seine beiden Jobs als Chefredakteur der „News of the World“ und als Regierungssprecher Camerons verloren hat, streitet das vehement ab. Doch selbst wenn die Wahrheit niemals ans Licht kommt: Hoarse hat die gängigen Vorstellung von Recherchepraktiken der Boulevardpresse geprägt.

Original, Google Cache, archive.org

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter tagesschau.de abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.