Pekings Führungsriege fürchtet um ihre Devisen

Die Schuldenkrise in den USA und der EU wird für China zur großen Gefahr. Die Volksrepublik hat Devisenreserven von knapp 3,32 Billionen Dollar – Tendenz schnell steigend. Etwa drei Viertel davon sind in US-Dollar angelegt, ein Viertel in Euro. Die Pekinger Führungsriege fürchtet um ihr Vermögen.

Von Astrid Freyeisen, ARD-Hörfunkstudio Schanghai

Es geht um unvorstellbare Summen und um Abhängigkeiten, aus denen niemand aussteigen kann: China hält über eine Billion US-Dollar an Schatzanleihen. Die Volksrepublik ist der größte Gläubiger der Amerikaner. Das verbreitet Angst in der Pekinger Führungsriege – und nicht erst seit gestern.

„China ist der größte Gläubiger der USA. Wir verfolgen die Politik von Präsident Obama genau. Wir haben unsere Erwartungen“, erklärte Ministerpräsident Wen Jiabao schon im März 2009. „Wir haben den Amerikanern riesige Summen geliehen. Natürlich sind wir um die Sicherheit unseres Geldes besorgt. Die USA sollten eine kreditwürdige Nation bleiben.“

Amerikaner verletzen Interessen ihrer Gläubiger

Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao
„Die USA sollten eine kreditwürdige Nation bleiben“, das forderte Ministerpräsident Wen schon 2009.

Weil solche Appelle offenbar wenig bringen, äußern sich die Chinesen nun schärfer. Die Pekinger Rating-Agentur Dagong stufte die Bonität der USA im November 2010 erstmals herunter – damals ohne großes Medienecho im Westen. Dies folgte als Dagong Washington in der vergangenen Woche zum zweiten Mal herabstufte.

„Anfangs gaben wir den USA ein AA. Im Herbst senkten wir die Note, weil die Amerikaner die Interessen ihrer Gläubiger stark verletzten, indem sie die Notenpresse anwarfen“, sagte der Chef der Agentur, Guan Jianzhong, dem chinesischen Staatsfernsehen. „Wir sahen dies als einen Vertragsbruch. Wir zögerten nicht, die Bonität zu senken. Die Finanzkrise zeigt, daß das traditionelle System der Kreditvergabe problematisch ist“, erklärte er die Enstcheidung.

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Ratingagentur Dagong in den USA nicht anerkannt

Das Rating von Dagong wirkt wie ein verzweifelter Versuch aus Peking, Washington zu einem Kurswechsel zu bewegen. Denn die chinesische Agentur wird in Amerika nicht einmal anerkannt – weil es für die US-Behörden keine Chance gibt, zu überprüfen, wie sie zu ihren Ratings kommt. Für die Volksrepublik ist die westliche Schuldenkrise ein Teufelskreis: Peking ist überzeugt, dass sie auch für über sechs Prozent Inflation in China verantwortlich ist.

Eine Million US-Dollar in 100-er Noten, ausgestellt im Geldmuseum der Notenbank in Chicago
Die USA warfen die Notenpresse an – und verletzten damit die Interessen ihrer Gläubiger, so die Ratingagentur Dagong.

Die renommierte Wirtschaftsprofessorin Pan Yingli von der Schanghaier Fudan-Universität glaubt, dass in China noch in zehn Jahren Inflation herrschen wird. Die westlichen Volkswirtschaften blieben schwach, erklärt sie. Aus diesem Grund würden sie weiterhin eine lockere Geldpolitik verfolgen, die die ganze Welt beeinflusst. Rohstoffe würden so immer teurer, was China zum Opfer mache. Denn China müsse immer mehr davon importieren, damit die Wirtschaft wachse und die Hoffnung auf Wohlstand nicht verloren gehe.

„Die US-Schatzanleihen werden uns noch teuer zu stehen kommen“

Auch im chinesischen Internet fallen die Kommentare pessimistisch aus. Die Chinesen fühlen sich als Gläubiger machtlos gegenüber den Winkelzügen der Schuldner. „Wir bieten billige Arbeitskräfte und beuten unsere Umwelt aus, um US-Schatzanleihen zu kaufen. Wir unterstützen es, dass die Amerikaner zu viel ausgeben und dass ihre Banken bei uns noch mehr Geld verdienen“, beschreibt der bekannte Blogger Qiulin den Mechanismus. „Wir sind zweifellos der schlechteste aller Gläubiger. Die US-Schatzanleihen werden uns noch teuer zu stehen kommen. Sie sind fast wie eine Atombombe“, schreibt er weiter.

Weil China so viel davon halte, könne man nicht einfach aufstehen und fortgehen, so Quilin. „Denn fällt der Wert dieser Anleihen, müsste China diese Kröte schlucken. Und wer wird dann am meisten leiden? Die Leute aus der Regierung? Oder die einfachen chinesischen Bürger?“ Der Steuerzahler ist der Dumme – davon sind viele Chinesen ohnehin bei den meisten Problemen überzeugt. Und entsprechend sauer.

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