Löhne von Geringverdienern sinken trotz Aufschwungs

Wer ohnehin wenig verdient, hat in den vergangenen Jahren auch noch deutliche Abschläge beim Nettoeinkommen hinnehmen müssen. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sind die realen Nettolöhne der Geringverdiener seit 2000 stark gesunken – um bis zu 22 Prozent.

Von Arne Meyer, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist nur eine kleine Tabelle mit zehn Zahlenreihen, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erstellt und heute veröffentlicht hat. Die Tabelle erfasst, wie sich die Einkommen in Deutschland in den Jahren 2000 bis 2010 entwickelt haben. Die Tabelle ist klein, die Wirkung dieser Zahlen aber groß: Personengruppen mit einem Einkommen zwischen 700 und 1200 Euro haben danach in den vergangenen zehn Jahren besonders starke Realeinkommensverluste bei ihren Erwerbseinkommen erleiden müssen.

Reinigungskräfte
Die Wirtschaft wächst, die Einkommen …

Lohn-/Gehaltsabrechnung mit Geld
… von Geringverdienern sinken.

Datenbasis für die Sonderauswertung des DIW ist das so genannte sozio-ökonomische Panel. Seit 1984 fließen darin die Aussagen von etwa 22.000 Personen ein. Im Zentrum der Auswertung stand die Frage nach der Entwicklung von Löhnen und Gehältern abhängig Beschäftigter in den vergangenen zehn Jahren. Danach haben Geringverdiener in den vergangenen Jahren die heftigsten Lohneinbußen hinnehmen müssen, teilweise mehr als 20 Prozent. Wer netto allerdings rund 1.400 Euro und mehr im Monat überwiesen bekam, für den veränderte sich relativ wenig.

Zuwachs in der Zeitarbeit

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. So ist zum Beispiel ist die Zahl der geringfügig Beschäftigten in den vergangenen Jahren stark gestiegen – eine Tendenz, die das Statistische Bundesamt mit ebenfalls heute veröffentlichten aktuellen Zahlen untermauert. Danach haben zum Beispiel Zeitarbeitsfirmen in den Jahren 2008 bis 2010 einen starken Zuwachs gehabt. Einen weiteren Grund sieht Markus Grabka vom DIW in der Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften: „Das Credo der letzten zehn Jahre war die Arbeitsplatzsicherheit. Die Lohnsteigerung ist klar hinter den Produktivitätszuwächsen und dementsprechend hinter dem Verteilungsspielraum zurückgeblieben. Auch haben sich die Wirtschaftsstrukturen dahingehend verändert, dass der Dienstleistungssektor eine größere Bedeutung bekommen hat.“

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Mehr Frauen, kein Mindestlohn

Beeinflusst wird die Entwicklung auch dadurch, dass seit 2000 immer mehr Frauen arbeiten. Die aber bekommen häufig ein niedrigeres Gehalt als ihre männlichen Kollegen. In diesem Zusammenhang weist Peter Bofinger, Volkswirtschaftler von der Uni Würzburg und einer der Wirtschaftsweisen, darauf hin, dass es in Deutschland keinen Mindestlohn gibt: „Nach unten gibt es eigentlich keine Grenze. Das ist ein erheblicher Unterschied zu dem, was wir in anderen Ländern erlebt haben. Dazu kommt, dass die massiven Steuerentlastungen im letzten Jahrzehnt sich vor allem auf die Bezieher höherer Einkommen ausgewirkt haben.“

Das DIW hat bei seiner Auswertung der Daten ausschließlich die Grundeinkommen der abhängig Beschäftigten berücksichtigt. Boni und Einmalzahlungen – die in den vergangenen Jahren eine immer größere Bedeutung erlangt haben – sind damit komplett unter den Tisch gefallen. Trotzdem eröffnet die Studie der Opposition die Gelegenheit, ihre Forderung nach einem flächendeckenden Mindestlohn zu erneuern. Das Bundesarbeitsministerium kommentiert die DIW-Studie nur knapp: Es gebe in Deutschland eine Tarifautonomie. Die Frage der Lohnhöhe sollte deswegen von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite unabhängig festgelegt werden, sagte ein Sprecher.

Infografik Entwicklung Nettoeinkommen

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