Hoffen aufs Geld, Angst vor dem Einfluss?

König Fußball machte den Gas-Riesen Gazprom in Deutschland erst richtig bekannt – und wenigstens die Fans von Schalke 04 freuten sich über die Millionen aus Moskau. In anderen Wirtschaftsbereichen sind viele weniger euphorisch. Ihre Sorge: Russlands Einfluss auf den Wirtschaftsstandort Deutschland darf nicht zu groß werden. Doch wie es darum tatsächlich bestellt? tagesschau.de gibt einen Überblick.

von Niels Nagel, tagesschau.de

Für die Export-Nation Deutschland ist die Handelsbilanz mit der Russischen Föderation eher ungewöhnlich. Denn Russland gehört zu den wenigen Ländern, aus denen Deutschland mehr importiert als exportiert. 2009 wurden Waren im Wert von 24, 9 Milliarden eingeführt, aber nur 20, 5 Milliarden Euro geliefert.

Gas-Pipeline in Russland
Ziemlich einseitig: Rohstoffe machen 80 Prozent der russischen Exporte aus.

Das Gros der deutschen Einfuhren sind dabei Energieträger – also Öl und Gas. Die Bundesrepublik bezieht gegenwärtig mehr als 40 Prozent ihrer Gas-Einfuhren und rund ein Drittel der Rohöl-Importe aus Russland. Nach den Beschlüssen zur Energiewende ist anzunehmen, dass Deutschland demnächst noch stärker auf Gas zur Stromerzeugung setzen wird. Davon könnten russische Unternehmen profitieren.

Ihre Perspektiven sind insofern durchaus erfreulich. Und Russland ist bereit, verstärkt im Ausland investieren – vor allem, um sich aus der hohen Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu lösen und um an dringend benötigtes Know-how für die Modernisierung seiner Wirtschaft zu gelangen.

Innovationen zum Einkaufspreis

Russlands Präsident Dimitri Medwedjew beim EU-Russland-Gipfel
Will die Wirtschaft seines Landes umkrempeln: Russlands Präsident Medwedjew.

Wie eine solche Frischzellenkur aussehen könnte zeigte 2009 der russische Autokonzern Gaz. Der prüfte damals einen Einstieg beim angeschlagenen Autobauer Opel – nicht zuletzt um sich so Zugriff auf Hightech „Made in Germany“ zu verschaffen. Alles mit Unterstützung des Kremls – denn sowohl Präsident Dimitri Medwedjew als auch Premier Wladimir Putin sind sich bewusst, dass ihre Modernisierungspläne für Russlands Wirtschaft und Infrastruktur ohne westliches Know-how reine Absichtserklärungen bleiben.

Letztlich scheiterten die Pläne von Gaz – nicht zuletzt am Widerstand der deutschen Politik. Russland gilt zwar als wichtiger und lukrativer Handelspartner, aber eben auch nicht als ganz einfacher.

Investitionsbedingungen in Russland besser als ihr Ruf

Auf der einen Seite erfreut sich die Russische Föderation bei deutschen Unternehmen größter Beliebtheit. Egal ob beispielsweise Volkswagen, Siemens, Daimler, MediaMarkt oder Obi – insgesamt mehr als 6000 deutsche Unternehmen sind momentan in Russland aktiv und haben mehr als 14 Milliarden Euro im Land investiert. Tendenz steigend.

Größter Deutscher Exportschlager sind Maschinen. Sie machen fast ein Viertel der deutschen Exporte am gesamten Handelsvolumen aus. Auf Rang zwei folgen Fahrzeuge gefolgt von Chemieprodukten.

Metro-Chef Eckhard Cordes
Findet Investitionsbedingungen in Russland gar nicht so schlecht: Eckhard Cordes.

Zwar haben viele deutsche Unternehmen in Russland immer noch mit Korruption und einer in manchen Bereichen fast schon protektionistisch anmutenden Wirtschaftspolitik mit hohen Zöllen und vielen Restriktionen zu kämpfen. Doch insgesamt wären die Investitionsbedingungen in Russland besser als ihr Ruf, sagte jüngst der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Metro-Chef Eckhard Cordes, in einem Interview. 

Umgekehrtes Spiel in Deutschland

Doch wenn es um die Beteiligung russischer Unternehmen hierzulande geht, wird der Spieß plötzlich umgedreht. Dann legen sich die Bundesregierung, die EU-Kommission und das Bundeskartellamt gerne quer. Beispiele dafür lassen sich in den vergangenen Jahren quer durch alle Branchen finden. Sei es etwa bei der Bahn, der Telekommunikation, im Energiesektor oder auch dem sensiblen Rüstungs-und Sicherheitsbereich.

Russlands Präsident Medwedew beklagte sich daraufhin persönlich bei Bundeskanzlerin Angela Merkel und kritisierte, dass die Deutschen die russischen Investoren „nicht mögen“ und „nicht auf den Markt“ ließen. 

Weniger Direktinvestitionen in Deutschland

Im Vergleich zu den deutschen Investitionen in Russland nehmen sich die russischen hierzulande tatsächlich vergleichsweise bescheiden aus. 2009 betrugen die unmittelbaren und mittelbaren Investitionen russischer Unternehmen in Deutschland nach Angaben der Deutschen Bundesbank rund 2,7 Milliarden Euro. Gerade mal 1500 russische Firmen sollen in Deutschland aktiv sein.

Tatsächlich rechnen Experten jedoch mit einer höheren Zahl. Zum einen erfassen die Statistiker der Bundesbank nur Geldströme aber erst ab einer bestimmten Größenordnung. Außerdem sind viele russische Investoren aus Steuergründen in Zypern gemeldet.

Egal ob Neugründungen, Joint Venture oder Übernahme – in fast jeder deutschen Branche sind russische Unternehmen vertreten. Von Lebensmittelherstellern über Buchhandlungen, Messeveranstaltern, Reiseveranstaltern oder auch innovativen Softwareunternehmen wie Abbyy (Texterkennung) und Kaspersky (Anti-Viren-Programme). Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Frankfurt wagen auch immer mehr Mittelständler den Schritt auf den deutschen Markt.

Russische Engagements nicht immer erfolgreich

Doch nicht immer sind die russischen Engagements in Deutschland von Erfolg gekrönt. Prominentes Beispiel sind die ehemaligen Wadan-Werften in Wismar und Rostock-Warnemünde. Der erste russische Investor meldete Insolvenz an, der zweite soll das Unternehmen gar verpfändet haben. Betroffen sind rund 600 Mitarbeiter. Medienträchtige Misserfolge wie diese sind natürlich Wasser auf den Mühlen der Kritiker russischen Engagements in Deutschland.

Gazprom soll neues Kapitel aufschlagen

Gazprom-Konzernzentrale in Moskau
Gazprom will in Europa investieren. Das trifft nicht überall auf Begeisterung.

Die Mitte des Monats verkündete enge Partnerschaft zwischen Gazprom und dem Essener Energie-Riesen RWE  soll nun das Gegenteil beweisen – und russische Unternehmen öffentlichkeitswirksam als solide und verlässliche Investoren etablieren. Auch in Hinblick auf weitere Investitionen bei DAX-Unternehmen. Unterstützt werden diese Pläne von der deutschen Wirtschaft.

RWE-Chef Jürgen Großmann betonte dieser Tage, dass es grundsätzlich jedem ausländischen Unternehmen frei stehe, einer deutschen Gesellschaft ein Übernahmeangebot zu machen. Gazprom dürfe dabei nicht diskriminiert werden – schließlich mache die RWE mit den russischen Kollegen seit Jahren gute und verlässliche Geschäfte.

Am Geld wird es Gazprom zumindest nicht fehlen. Das Unternehmen will in die eigene Expansion künftig bis zu 30 Milliarden Euro pro Jahr investieren.

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