Tag der Abrechnung für Murdoch und Sohn?

Der Abhör- und Bestechungsskandal um die „News of the World“ wird immer dramatischer: Der Journalist, der die Affäre ans Licht brachte, wurde tot in seiner Wohnung gefunden. Für heute nun ist die Anhörung von Medienmogul Murdoch und seinem Sohn vor dem Parlamentsausschuss anberaumt. Bei Murdochs explosivem Temperament kann das spannend werden.

Von Barbara Wesel, RBB-Hörfunkkorrespondentin London

Nach Tagen mit Rücktritten und dramatischen Entwicklungen in der Abhöraffäre kam gestern Abend ein weiterer Schock: Ein früherer Reporter der „News of the World“ wurde tot aufgefunden, ein Mann, der als erster und offen die Praktiken bei der Zeitung kritisiert und auch Ex-Redakteur Andy Coulson beschuldigt hatte. Was hinter diesem Todesfall steckt, ist noch ungewiss, die Polizei spricht von einem natürlichen Tod.

Rupert Murdoch wird fotografiert, als er seine Londoner Wohnung in einem Auto verlässt.
Rupert Murdoch (rechts) und sein Sohn James in London

Heute ist nun der Tag der Abrechnung für das Führungsduo: Vater Rupert und Sohn James Murdoch müssen vor einem Ausschuss des Unterhauses aussagen. Allerdings: Ob es zu einer richtigen Abrechnung kommt, ist offen. Meist sind die Parlamentarier zu brav und vorsichtig, um einen Skandal nur nicht noch skandalöser zu machen. Für die beiden erfolgsverwöhnten und selbstsicheren Konzernchefs aber ist allein die Tatsache, dass sie einer Truppe von dahergelaufenen Abgeordneten Rede und Antwort stehen müssen, eine Schmach. Waren sie doch bisher stets nah am Ohr der Regierenden selbst gewesen.  

Rupert Murdoch soll leicht aus der Haut fahren

Vor allem der 80-jährige Seniorchef lässt sich seit Tagen von einem eigens aus den USA eingeflogenen PR-Berater für seinen Auftritt vorbereiten. Das ist wohl nicht einfach: Eingeweihte berichten, dass Rupert Murdoch ein ausgesprochen explosives Temperament habe, dass er aggressive Fragen überhaupt nicht ausstehen könne und leicht aus der Haut fahre.

Natürlich sind auch Medienanwälte dabei, um die Murdochs zu schützen. Werden die Juristen ihnen nicht womöglich raten, so wenig wie möglich zu sagen, und auf die laufenden Ermittlungen der Polizei zu verweisen: „Sie wollen mit dem Ausschuss zusammenarbeiten, für sie entstünde doch ein fürchterlicher Eindruck, wenn sie hierher kommen und sich dann hinter ihren Anwälten verstecken“, meint der Ausschussvorsitzende, der konservative Abgeordnete John Whittingdale.

Sendungsbild
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  • Norbert Hahn (ARD) zur Korruptionsaffäre um Murdoch
  • Länge: 0:03:29
  • Datum: 2011-07-19T08:29:00.000+02:00

Es geht um mehr als um eine unangenehme Stunde

Bei den Fragen wird es vor allem darum gehen, was die Konzernchefs von illegalen Praktiken bei ihren Zeitungen wussten. Und wenn sie Unkenntnis beteuern, ist die nächste Frage dann die nach Aufsicht und Kontrolle in dem Unternehmen. Denn für die beiden geht es um mehr als eine unangenehme Stunde auf dem heißen Stuhl – die britische Medienaufsicht prüft, ob James Murdoch ein tauglicher und geeigneter Lizenzhalter für einen Fernsehsender ist – das bezieht sich auch auf den 39% Anteil bei BSkyB.

Die Murdochs werden mitspielen müssen, sich höflich, geschmeidig, verantwortungsvoll zeigen. Dabei hassen beide öffentliche Auftritte, so berichten Eingeweihte. Jetzt müssen James und Rupert Murdoch selbst die bittere Medizin schlucken, die sie jahrelang in ihren Boulevardzeitungen auch unbescholtenen Briten verabreicht haben.

Kommt Rebekah Brooks auch?

Offen ist noch, welche Rolle die frühere Königin des Boulevardjournalismus, Rebekah Brooks, heute spielen wird. Die enge Vertraute von Murdoch senior war erst am Freitag zurückgetreten und am Sonntag dann plötzlich von der Polizei festgehalten worden. Ihr Anwalt Stephen Parkinson kündigte gestern an, sie sei trotzdem bereit zu erscheinen: „Sie bleibt willens zu kommen und Fragen zu beantworten.  Es ist ein Problem für das Parlament, zu entscheiden, wonach sie gefragt werden soll, und ob sie nicht später angehört werden soll.“

Soll heißen: Brooks kann weitgehend die Aussage verweigern und auf die Ermittlungen der Polizei verweisen, sie muss sich nicht selbst belasten.

John Whittingdale
Der Abgeordnete John Whittingdale ist ein Facebook-Freund von…

Rebekah Brooks
…Rebekah Brooks, die er womöglich im Ausschuss befragen muss.

„Facebook-Freunde sind keine richtigen Freunde“

Und schließlich noch eine Frage: Wird der Ausschussvorsitzende Whittingdale nicht befangen sein, wenn er heute seine Facebook-Freundin Brooks scharf angehen soll? Whittingdales Antwort: „Facebook, das bedeutet heutzutage doch nicht, dass man eng mit jemandem verbunden ist.“ Da hat er auch wieder Recht, an dem Punkt wird das Drama zur Farce.

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