Mit dem Notgroschen durch die Schuldenkrise

US-Präsident Obama hat bereits gewarnt, dass er im Fall einer Zahlungsunfähigkeit nicht garantieren könne, dass Millionen Rentner, Behinderte und Veteranen noch staatliche Leistungen erhalten. Aber viele Amerikaner wissen gar nicht, dass sie betroffen sein könnten.

Von Sabine Müller, HR-Hörfunkstudio Washington

Es ist Mittagszeit im Senior Center von Rockville im US-Bundesstaat Maryland. Der helle Essensraum ist gut gefüllt, etwa 50 Männer und Frauen sitzen an den grauen Tischen. Wenn die Rede auf die Schuldenkrise und die Debatte über die Anhebung der Schuldengrenze kommt, sind alle gleich sehr gesprächig.

Ronald Reagan ist Schuld

Barack Obama
Obama kann nicht garantieren, dass Senioren in Zukunft noch ihre Schecks vom Staat erhalten. (Archivbild)

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir zahlungsunfähig werden“, sagt die 88-jährige Dorothy Ewbank. „Es wäre doch sehr dämlich, das zuzulassen.“ Sie selbst mache sich keine großen Sorgen über eine Staatspleite, sagt sie. „Ich kriege eh keinen Cent von der Regierung, habe keine staatliche Rente, sondern nur meine Betriebsrente.“ Ronald Reagan habe das verbockt, fügt sie noch hinzu.

Jack Koser, ein kurz angebundener 91-Jähriger mit dichtem grauen Haar, findet, dass Politik generell ein schmutziges Geschäft sei, und er sagt, so richtig durchschaue er die ganze Diskussion nicht. Aber beunruhigt ist er nicht: „Es wird schon eine Lösung geben“, meint er. Und wenn nicht, dann müsse er sich eben ein bisschen einschränken, wenn mal ein Rentenscheck nicht komme. Das sei aber kein großes Problem. „Denn niemand, der bei Verstand ist, lebt doch nur von der staatlichen Rente“, sagt Koser.

Snobismus dank Notgroschen

Einen gewissen Snobismus können sich hier viele leisten, weil sie in einer der wohlhabendsten Gegenden der USA leben und fast alle ordentliche Rücklagen haben. Auch die 79-jährige Ferne Fabis hat einen Notgroschen, aber trotzdem ist sie nicht so gelassen wie die Mehrzahl ihrer Freunde und Bekannten. „Die meisten glauben, dass es noch eine Einigung geben wird“, sagt Ferne. „Bei Gott, ich hoffe es, es sind wirklich beängstigende Zeiten.“

Ein Haufen Dollar-Scheine
Viele Senioren vertrauen auf ihren Notgroschen in Krisenzeiten.

Ferne Fabis war geschockt, als sie vergangene Woche Präsident Barack Obama zuhörte, der sagte, ohne eine Einigung könne er nicht garantieren, dass die Schecks für Rentner, Veteranen und Behinderte rausgehen. „Viele Leute in diesem Land wird das richtig hart treffen“, fürchtet Ferne. „Wie sollen die ihre Rechnungen bezahlen?“, fragt sie sich.

Keine Ahnung von staatlichen Leistungen

Allerdings ahnen viele Amerikaner wohl gar nicht, dass sie von einer Zahlungsunfähigkeit der USA persönlich betroffen sein könnten. Eine Studie der Cornell University hat herausgefunden, dass vielen Empfängern von staatlichen Leistungen nicht klar ist, dass sie ebensolche beziehen. Egal ob Rente, Krankenversicherung für Senioren oder Studentenkredite – teilweise antwortete die Hälfte der Leistungsempfänger auf die Frage, ob sie staatliche Leistungen bekommen, mit nein.

„Die sind wohl nicht besonders klug“, meint Ferne Fabis lakonisch. Dorothy Ewbank glaubt, dass die Amerikaner zusammenhalten würden, falls es tatsächlich kein Geld mehr gibt. „Wir würden füreinander sorgen, das haben wir immer gemacht“, sagt die 88-Jährige. Und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn sie hinzufügt, was sie anzubieten hätte und wie karg sie sich eine solche Zeit vorstellt: „Sie können ein bisschen Tee haben, Brot und Butter, etwas Milch. Das ist alles – bis wir da durch sind.“

Original, Google Cache, archive.org

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