Das Oktoberfest der Superlative

Mit Weniger gibt man sich in China nicht zufrieden: das größte Hochgeschwindigkeitsnetz, die meisten Superwolkenkratzer, der größte Flughafen. Und nun – das größte Oktoberfest der Welt. Das jedenfalls soll es einmal werden.

Von Frank Hollmann, ARD-Hörfunkstudio Peking.

Seit dem Wochenende sind die acht bierzeltähnlichen Hallen mit 84.000 Sitzplätzen in Peking eröffnet. Dass alles so stilecht wie möglich aussieht, dafür hat ein Münchner gesorgt: „Jeder kann ein Bierzelt und einen Kassettenrekorder mit Blasmusik aufstellen und das ganze Oktoberfest nennen, weil der Begriff nicht geschützt ist. Wir wollten etwas machen, was den Begriff Oktoberfest verdient,“ sagt Michael Schottenhamel.

Lederhosen und Dirndl auf der chinesischen Wiesn

Schottenhamels Augen glänzen, als er über das Festgelände läuft, stilecht in bayerischer Tracht. Der Sohn von Wiesenwirt Peter Schottenhamel hat etliche Jahre Vorbereitung in das Projekt gesteckt, bis jedes Detail stimmte. „Wir haben ein Lederhosenmuster genommen und dieses Muster in verschiedene Stoffe umgeschneidert. Da gibt es künstliches chinesisches Leder, Jeansstoffe, Lederhosen im ‚Military-Look‘ – aber die Grundidee der Lederhose, die bleibt.“

Angestellte in Lederhosen-Uniform auf dem chinesischen Oktoberfest.
Lederhosen im ‚Military-Look‘: Angestellte auf dem Pekinger Oktoberfest.

Angestellte im Dirndl auf der Pekinger Wiesn.
München als Vorbild: Michael Schottenhamel auf seiner Wiesn in China.

Und natürlich tragen die weiblichen Bedienungen Dirndl, auch wenn dafür den meisten Chinesinnen die barock-bayerische Figur fehlt. Das habe laut Schottenhamel zwar keine Rolle gespielt, aber „was die Chinesen wollten, war eine gewisse Körpergröße. In einem Artikel habe ich gelesen, dass die Bedienungen einen College-Abschluss haben sollten. Da sind wir in München weniger anspruchsvoll.“

Bis zu 100.000 Besucher sollen hier feiern

Dafür sind die Festhallen umso gewaltiger. Bis zu 100.000 Gäste sollen im Watzmann, im Bayerischen  Himmel oder im Neuschwansteiner Schlosszelt feiern – jeden Tag – und das einen ganzen Monat lang. Noch hält sich der Andrang in Grenzen. Aber den Besuchern, die da sind, gefällt es. Drei Freundinnen erzählen, sie seien hier, weil es das erste Bierfest des Jahres sei. Und: „Das Münchner Bier ist weltberühmt, sehr lecker, das belebt.“

Das Neuschwanstein Schlosszelt auf der Wiesn in China.
Bayern in Beijing: Das „Neuschwanstein Schlosszelt“ auf der Pekinger Wiesn.

Einen Tisch weiter sitzt eine junge Familie, vor sich einen Maßkrug. Er trinke normal gar keinen Alkohol, erzählt Li Qiao, aber heute müsse seine Frau Auto fahren. Leider gebe es hier nur Maßkrüge, keine kleinen Gläser zum Probieren. Ein zweites Bier schaffe er so nicht mehr. Und während die junge Familie Brenzn und Bratwürste verspeist, schläft der kleine Sohn seelenruhig im Kinderwagen, trotz des ohrenbetäubenden Lärms, den die Festzeltband in der Hallenmitte erzeugt.

In München gelernt, in Asien zu neuen Dimensionen verholfen

Schottenhamel erinnert sich an die Anfänge: „Wir waren vor 20 Jahren in Japan, da hatten wir 4000 Plätze. Das hat damals mein Vater gemacht und mich und meinen Bruder mitgenommen. Das war schon ein großes Abenteuer. Da hatten wir 20 Bedienungen dabei, Köche, die komplette Musik. Hier haben wir 300 Bedienungen dabei, für alles andere haben wir die Chinesen trainiert, auch in München. Wir haben 84.000 Sitzplätze, das ist natürlich eine andere Dimension. So ein großes Oktoberfest gibt es sonst nirgendwo.“

Und auch die Pekinger Bierpreise haben fast Originaldimensionen: 90 Yuan, knapp zehn Euro die Maß. Das kann sich selbst im Wirtschaftswunderland China nur eine Minderheit leisten.

Trotzdem, das Original bleibt das Original, auch für Schottenhamel: „Natürlich ist das Oktoberfest in München etwas, das in 200 Jahren gewachsen ist und eine einzigartige Stimmung hat. Dieser Charakter des Oktoberfestes als fünfte Jahreszeit, wo ganz München zur Oktoberfeststadt wird, das haben wir hier natürlich nicht.“       

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