Bericht aus einem Goldenen Käfig

Um überhaupt aus Tripolis berichten zu können, müssen Journalisten sich auf Gaddafis Pressesprecher einlassen. Moussa Ibrahim hat die Allmacht über die Informationen und lässt keinen Reporter ohne Aufpasser aus dem eigens für Journalisten vorgesehenen Hotel. ARD-Korrespondent Jörg Armbruster hat sich auf eine von Gaddafis Leuten organisierte Tour eingelassen – immer begleitet von Aufpassern, die auch aufs richtige Timing achten. Für tagesschau.de schildert er seine Eindrücke.

Von Jörg Armbruster, ARD-Studio Kairo, zzt. Tripolis

„An alle Journalisten: Kommen Sie in die Halle! Es findet eine Pressekonferenz statt!“ Kein bitte, keine Erläuterung, wer auf der Pressekonferenz sprechen wird. Die militärisch knappe Ansage kommt über Lautsprecher, die in jedem Hotelzimmer in die Decke eingebaut sind. Überhören kann man diese geschnarrten Befehle nicht. Abstellen kann man die Lautsprecher auch nicht. Jeder soll sofort verfügbar sein.

Die Propaganda Gaddafis kann nicht warten. Selbst weit nach Mitternacht kläfft gelegentlich eine Stimme von der Decke: „Alle Journalisten in die Halle!“ Der Pressesprecher Gaddafis, Moussa Ibrahim, lädt zur Pressekonferenz, mehrmals am Tag, immer über Lautsprecher im Ton eines Feldwebels beim Morgenappell.

Propaganda für Gaddafi

Der Pressesprecher Gaddafis Moussa Ibrahim
Der Pressesprecher Gaddafis Moussa Ibrahim

Er, der aus dem Gaddafi-Clan stammt, ist der Ausrufer des Revolutionsführers und verfügt über eine Allmacht, an der kein Journalist im Hotel vorbeikommt. Er verkündet in fast jeder Pressekonferenz, die Aufständischen seien Al-Kaida-Terroristen oder bewaffnete Banden, die Schuld seien an dem Desaster seines Landes. Die Truppen Gaddafis würden nur zurück schießen, wenn sie angegriffen würden.

Neben Gaddafi selber und seinem Sohn Saif al Islam – das ist der mit der Glatze und dem modischen Dreitagesbart – ist Moussa Ibrahim inzwischen das bekannteste Gesicht des Landes. Seine Fassade: freundlich jovial, aber wenn ihm etwas gegen den Strich geht, dann beißt er sofort zu.

Mit dem Aufpasser durch Tripolis

Bei seiner Behörde müssen wir beantragen, wenn wir in der Stadt drehen wollen. Sie sucht den Aufpasser aus, der uns begleiten wird, immer freundlich aber bestimmt. Ein solcher „Minder“, wie er genannt wird, ist bei jedem Schritt außerhalb des Hotels dabei.

Ohne ihn dürfen wir unser Luxusgefängnis nicht verlassen, egal ob wir eine Kameraausrüstung dabei haben oder nicht. Er ist gewissermaßen unser Gefängniswärter, der uns bei dem journalistischen Freigang begleitet. Er entscheidet letztendlich, wo wir hinfahren dürfen. „Auf einem Markt wollt Ihr drehen?“ Er sucht ihn aus. In einer Schule? Auch die legt er fest und lässt die Lehrer auf den Besuch einstimmen.

Geflüsterte Wahrheiten

Stramme Durchhalteparolen bekommen wir zu hören von Lehrern wie von Schülern. Etwas anderes war auch gar nicht zu erwarten. Der „Minder“ steht neben der Kamera und hört genau zu, was uns die Libyer erzählen. Er ist das große Ohr des Regimes, der Gesinnungswächter, Angstmacher und Zensor, alles in einer Person.

Einwohner von Bengasi protestieren gegen die Gaddafi-Herrschaft
Die Aufständischen in Bengasi – wenn der Aufpasser dabei ist, traut sich niemand, sich mit ihnen solidarisch zu zeigen (Archivbild).

Kein Wunder, dass wir nur das von den Menschen zu hören bekommen, was diesem Aufpasser und damit dem Regime genehm ist. Manchmal allerdings, wenn der „Minder“ außer Hörweite ist, flüstern uns besonders mutige Libyer hastig zu, sie würde die in Bengasi verstehen, aber das könnten sie natürlich nicht sagen.

„Gott, Gaddafi und Libyen, sonst nichts!“

Am liebsten führt der „Minder“ uns auf den Grünen Platz im Herzen Tripolis. Denn hier ist die Gaddafi-Welt noch in Ordnung. Hier muss sich der Aufpasser nicht anstrengen, hier bekommt er immer die richtigen Antworten zu hören. Hier braucht er sich keine Sorgen zu machen. Der Platz liefert eine Gaddafi-gerechte Geräuschkulisse: „Gott, Gaddafi und Libyen, sonst nichts!“ Ein Einpeitscher brüllt diese Parole, vielfach verstärkt über Lautsprecherboxen.

Die Stadt hat in einer Ecke des Platzes eine Holzbühne aufgebaut mit riesigen Lautsprechern, aus denen entweder Technomusik donnert oder die Einpeitscher dröhnen. Alles ist mit grünen Tüchern verkleidet, der Nationalfarbe Libyens. Im unerträglichen Lärm gehen die simplen Texte dieses Polittechnos unter.

Einpeitscher statt DJ

Den Jugendlichen gefällt diese monotone Hammermusik, den Einpeitscher nehmen sie in Kauf. Denn Diskotheken gibt es nicht in der Stadt. Nur hier können sie sich austoben. Richtet der Kameramann seine Kamera auf die jungen Männer und Frauen, die sich abends vor der Bühne treffen, bricht sofort ein orkanartiges Geschrei aus. „Gott, Gaddafi und Libyen“. Die Jugendlichen, grüne Tücher um den Kopf geschlungen, grüne Fahnen schwenkend, tanzen vor der Kamera, schütteln die Fäuste und brüllen ihre Parolen von der libyschen Dreieinigkeit, bis der Kameramann seine Kamera von der Schulter nimmt.

Pro-Gaddafi-Demonstration in Tripolis
Für Pro-Gaddafi-Demonstranten gibt es „Gott, Gaddafi und Libyen, sonst nichts“.

Vielleicht schreien sie aus Lust an Krach und Provokation, vielleicht aus Kraftmeierei und Übermut, vielleicht glauben sie wirklich an ihre Sprüche, vielleicht von allem ein bisschen. Viele andere Möglichkeiten, sich auszutoben, haben sie nicht im stockkonservativen Tripolis. Ein paar Cafés vielleicht noch, aber nirgends darf man so viel Krach machen wie auf dem Grünen Platz. Sie lieben es, sich vor den Kameras zu produzieren, am besten in Siegerpose. Fragt man nach den Aufständischen in Bengasi, spucken sie das aus, was andere vorgekaut haben: „Das sind Terroristen, sie kommen alle aus dem Ausland, das können keine Libyer sein.“ Denn für die gelte schließlich: „Gott, Gaddafi und Libyen, sonst nichts.“ Und wenn es doch Libyer sind? „Dann sind es eben Ratten!“

Zurück in den goldenen Käfig

Der Aufpasser ist zufrieden: „Alles im Kasten? Dann können wir doch zurückfahren!“ Vielleicht dürfen wir noch einen Espresso trinken in einem der Cafés am Grünen Platz, doch dann müssen wir wieder zurück in unseren Goldenen Käfig namens Rixos-Hotel. Der Freigang ist zu Ende, der Aufpasser bringt uns bis zum Hotel, er will nach Hause zu seiner Familie. „Hat es Euch gefallen?“ „Natürlich!“ Schließlich wollen wir noch mal Freigang haben.

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