Cameron befürchtet Ausweitung des Skandals

Premierminister David Cameron geht davon aus, dass der britische Abhör- und Bestechungsskandal weit größere Ausmaße haben könnte als bislang angenommen. Er sagte, neben der Zeitung „News of the World“ hätten vermutlich auch andere Medien unlautere Methoden zur Recherche angewandt. Daher werde der geplante richterliche Untersuchungsausschuss nicht nur die Arbeit bei dem mittlerweile eingestellten Murdoch-Blatt untersuchen, sondern auch andere britische Medien unter die Lupe nehmen. Dazu gehörten auch Fernsehsender und Internetdienste.

„Wir sollten zwar nicht automatisch annehmen, dass diese Praktiken über die ganze Medienlandschaft verstreut waren“, sagte Cameron weiter, „aber es wäre naiv, zu denken, dass sie auf eine Zeitung oder eine Zeitungsgruppe beschränkt waren.“

Cameron nimmt Mitarbeiter in Schutz

Der Regierungschef selbst bestritt heute im Parlament in London jede Verwicklung in die Affäre und Einflussnahme auf die Ermittlungen. Seine Mitarbeiter hätten sich im Zuge der polizeilichen Ermittlungen „vollkommen richtig“ verhalten, hieß es in seiner Stellungnahme. Das gehe auch aus dem jüngst veröffentlichten E-Mail-Verkehr zwischen seinem Stabschef mit dem mittlerweile zurückgetretenen Vize-Polizeichef John Yates hervor.

Cameron war in den vergangenen Tagen immer stärker unter Druck geraten und sieht sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Unter anderem hatte er den früheren „News of the World“-Chef Andy Coulson zu seinem Berater gemacht. Dieser soll während seiner Zeit bei dem Blatt über die dortigen Abhör- und Bestechungsmethoden Bescheid gewusst haben.

Opposition wirft Cameron Ignoranz vor

Die Einstellung Coulsons bereue er rückblickend. Wenn er gewusst hätte, was er heute wisse, hätte er Coulson nicht zum Kommunikationschef seiner Regierung ernannt: „Man lebt und man lernt, und glauben Sie mir: Ich habe gelernt.“ Coulson war im Januar von seinem Job bei der Regierung zurückgetreten. Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Ed Miliband, beschuldigte Cameron, die Warnungen vor Coulson absichtlich ignoriert zu haben. „Das kann nicht auf krasse Inkompetenz zurückgeführt werden. Es war ein absichtlicher Versuch, sich vor den Fakten zu verstecken.“ Damit habe er auch sein eigenes Amt retten wollen.

Außerdem werden Cameron enge Kontakte zum Top-Management des Verlags News International von Rupert Murdoch vorgeworfen, in dem die Zeitung erschien. Der Premier betonte, er habe an keinem einzigen unredlichen Treffen mit Vertretern von News International teilgenommen. Bei den Gesprächen sei der vorgeschriebene Verhaltenskodex stets eingehalten worden.

Andy Coulson
Andy Coulson (Foto) fungierte als Regierungssprecher für Cameron,…

Rebekah Brooks
…Rebekah Brooks lud der Premier zu seinem 44. Geburtstag ein.

27 Begegnungen mit Rebekah Brooks in 15 Monaten

Zusätzlich unter Druck geraten war Cameron, als herauskam, dass die im Abhörskandal vorübergehend festgenommene Murdoch-Managerin Rebekah Brooks Gast bei seinem 44. Geburtstag im vergangenen Oktober war. Es war die 27. Begegnung Camerons mit Murdoch-Managern in nur 15 Monaten Amtszeit. Die Geburtstagseinladung war von der Downing Street zunächst verschwiegen worden. Zum Verhältnis zu Brooks äußerte sich Cameron bislang nicht. Sie hatte gestern vor dem Parlamentsausschuss erklärt, nichts von den illegalen Praktiken bei „News of the World“ gewusst zu haben.

Infografik News Corporation

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