„Glas halb voll“ oder „Glas halb leer“?

Die Beschlüsse zur Euro-Rettung wurden in der Presse unterschiedlich bewertet. Während die einen von einer „Sensation“ sprechen, die „Konstruktionsfehler der Währungsunion“ korrigiert, bleibt für andere das „Grundübel“ bestehen. Gespannt blicken viele auch auf die Reaktionen der Rating-Agenturen.

Die „Frankfurter Rundschau“ schreibt: „Es geht doch. Wider Erwarten klar und europäisch ist die Botschaft des Krisengipfels zur Rettung des Euro ausgefallen. Der Rettungsfonds EFSF erhält deutlich mehr Aufgaben und Flexibilität. Damit haben Angela Merkel und Nicolas Sarkozy den Europäischen Währungsfonds aus der Taufe gehoben. Eine Einrichtung, die den Konstruktionsfehler der Währungsunion, eine gemeinsame Währung ohne politische Union, ein gutes Stück weit korrigiert. Das ist die Sensation des Treffens, das ansonsten die Verschuldung Griechenlands erträglicher gestaltete.“

„Das Glas ist halb voll, könnte man meinen: Die Staats- und Regierungschefs haben offenbar erhebliche Fortschritte erzielt. Gemessen an dem, was man vor Tagen noch erwarten durfte, ist der Gipfel eine erfreuliche Überraschung. Tatsächlich aber ist das Glas halb leer. Ziel des Gipfels war es, die Angst vor einer Ausweitung der Krise auf immer mehr Länder zu lindern. Ob das gelungen ist, ist fraglich. Und das Grundübel – dass Griechenland seine Staatsschulden aus eigener Kraft nicht mehr bedienen kann – bleibt bestehen. Die avisierte Umschuldung ist viel zu klein, um Griechenlands Zahlungsfähigkeit wiederherzustellen. Das Land wird am Tropf der Euro-Partner bleiben“, glaubt „Die Welt“.

Die japanische Zeiting „Mainichi Shimbun“ urteilt ähnlich: „Dieses Hilfspaket löst leider in keiner Weise die eigentlichen Probleme Griechenlands. Athen steht noch ein langer Weg bevor. Auch mit der Umsetzung der Finanzhilfe werden die Schulden des Landes natürlich nicht weniger, die mittlerweile sogar das 1,6-fache seines Bruttoinlandsprodukts ausmachen. Konkrete Maßnahmen wie eine wirklich signifikante Reduzierung des Schuldenbergs wären für deutsche oder französische Banken, die in großem Maß griechische Staatsanleihen besitzen, sicher ein harter Schlag ins Gesicht gewesen. Aber mit Blick auf die Steuerzahler des jeweiligen Landes dürften öffentliche Gelder nicht schon wieder großzügig nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden. Die Regierungen der Euro-Länder üben erneut einen gewagten Spagat“.

Der schweizerische „Tages-Anzeiger“ sieht es so: „Schluss mit dem Klischee: Griechenland ist – zumindest bis jetzt – kein Fass ohne Boden, ganz im Gegenteil. Allein Deutschland hat mit den Strafzinsen auf seine Kredite im ersten Halbjahr 200 Millionen Euro verdient. Die Euroländer sehen sich in der Dauerkrise um ihre Währung zu einem radikalen Kurswechsel genötigt. Dazu gehört, dass die Schuldenländer Griechenland, Portugal und Irland die Gelder zu günstigeren Bedingungen und mit längeren Laufzeiten bekommen sollen. Die Solidarität bleibt auch so noch ein Geschäft“.

In der „Leipziger Volkszeitung“ ist zu lesen: „Mit dem Einstieg in die Umschuldung, der Beteiligung privater Gläubiger und dem frischen Geld ist immerhin ein Anfang gemacht. Ob das aber reichen wird und damit der gordische Knoten durchschlagen worden ist, wird spätestens die nächste Bewertungsrunde der Rating-Agenturen zeigen.“

Das betont auch „Der Standard“, der in Wien erscheint: „Wie in den Wochen davor, wird viel von der Reaktion der in den USA ansässigen Unternehmen abhängen. Ob sie ihre Drohung wahrmachen und die Beteiligung privater Gläubiger tatsächlich als teilweisen Zahlungsausfall, bewerten. Es wird sich herausstellen, ob amerikanischen Ratingagenturen verantwortungsvoll handeln und auch das Umfeld im Blick haben. Dass sich die Europäer trotz der Drohungen zu einer Umschuldung Griechenlands durchgerungen haben, zeugt von einer gewissen Emanzipation und der Absicht, sich aus der Abhängigkeit dreier Ratingagenturen zu lösen – oder zumindest deren Urteil als einen Faktor und nicht den allein bestimmenden anzusehen. Damit verbunden ist das Signal: Die Europäer lassen sich von den Ratingagenturen nicht mehr einschüchtern“.

(Zusammenstellung: Deutschlandfunk)

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