Eine Reise mit fragwürdigen Beweisen

Seit mehr als vier Monaten bombardiert die NATO Libyen. Die Allianz betont, nur militärische Ziele anzugreifen, was Machthaber Gaddafi bestreitet. Als angeblichen Beleg lässt er Journalisten in zerstörte Städte führen und regimetreue Anhänger zu Wort kommen.

Von Peter Steffe, ARD-Hörfunkstudio Kairo, zurzeit in Tripolis

Sie waren nicht zu sehen, aber deutlich zu hören: Dröhnende Triebwerke von NATO-Jets, die kurz darauf ihre tödliche Fracht über der Kampfzone zwischen Misrata und Slitan abwarfen. Erst waren nur die Schläge der Explosion zu vernehmen, dann stiegen östlich von Slitan Rauchsäulen in den Himmel. Auch im Westen der Stadt bombardierte die NATO Stellungen, möglicherweise militärisches Gerät und Soldaten von Gaddafis Einheiten.

Vier Monate gehe das nun schon, erzählt Selim, ein Bewohner von Slitan: „Nacht für Nacht werfen die ihre Bomben hier ab. Zu Beginn wurde selektiert, vereinzelte Ziele angegriffen, aber jetzt wird alles bombardiert. Häuser, Schulen, erst vor zwei Tagen haben sie einige Häuser zerstört.“

Davon betroffen scheint offensichtlich nur der Osten der am Mittelmeer gelegenen Stadt zu sein. Von da aus ist es nicht weit bis Al Definija, auf halbem Wege nach Misrata. Dort verläuft momentan die Front. In den Osten von Slitan wollen uns unsere Begleiter des libyschen Informationsministeriums nicht lassen. Einen Grund nennen sie nicht.

Zerstörtes Gebäude im libyschen Slitan
Ein zerstörtes Gebäude in Slitan: Gaddafi macht dafür die NATO verantwortlich.

Kein Hinweis auf NATO-Bombardierung

In Slitan selbst ist vom NATO-Bombardement jedenfalls nichts zu sehen. Stattdessen zeigt man uns das Werksgelände eines türkischen Straßenbauunternehmens, ein Stück außerhalb der Küstenstadt. Gleich zu Beginn der Kämpfe in Libyen setzten sich Geschäftsleitung und Arbeiter nach Tunesien ab. Zurück blieben Unterkünfte und Bürogebäude sowie der Maschinenpark. Zu sehen sind zwei Gebäude, bei denen teilweise Dach und Wände fehlen. Sie seien von der NATO bombardiert worden, erzählt man uns.

Von Einschlagkratern und anderen Anzeichen eines Luftangriffs ist allerdings nichts zu sehen. 500 Meter weiter befindet sich ein Militärgelände der libyschen Streitkräfte, das die NATO offenbar tatsächlich angegriffen hat. Die Zerstörung ist gewaltig – und nur zu erahnen. Wir können die Trümmer nur im Vorbeifahren sehen, wir halten nicht.

Von einer Rakete getroffen

Das nächste Gebäude, das man uns zeigt, ist halb in sich zusammengefallen, getroffen von einer Rakete. Hier ist das Einschlagloch eindeutig zu erkennen. Trümmer liegen umher. Ein Anwohner erzählt, das Haus sei Montagmorgen um vier getroffen worden: „Wir sind alle heraus gerannt, weil wir dachten, die zielen auf unsere Häuser.“ Alle hätten geschrien, berichtet er weiter. „Hier war ein Checkpoint, die Wachen sind einfach weggelaufen, sie waren Freiwillige in der Armee. Haben ihre Klamotten weggeworfen und sind weg.“

Letzte Station auf unserer Tour in Slitan, jedenfalls von dem was man uns zeigen will, ist das örtliche Krankenhaus. Wir bekommen Zivilisten präsentiert, die bei einem NATO-Luftangriff angeblich verletzt worden sein sollen. Überprüfen lässt sich nicht das nicht.

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Fotografieren verboten

Wann und wo die sieben Männer tatsächlich verwundet wurden, lässt sich auch nicht klären. Uns kommen vereinzelt Soldaten mit Verbänden entgegen, die weder gefilmt noch fotografiert werden wollen. Hier werden die Kämpfer Gaddafis offensichtlich medizinisch betreut. Das ist wenigstens eine sichere Erkenntnis unserer Reise nach Slitan, dort wo wenige Kilometer östlich eine der Kampflinien in diesem Krieg verläuft.

Original, Google Cache, archive.org

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