Die Merkelsche Art der Leidenschaft

Von Eva Corell, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Doch, sie kann auch lächeln, die Krisen-Kanzlerin. Vor allem, wenn Angela Merkel mit sich zufrieden ist wie heute mit den Beschlüssen des EU-Sondergipfels. Mögen ihr die europäischen Meckerer auch mangelnde Leidenschaft für das Projekt Europa vorwerfen, ihr Kalkül ist aufgegangen. Ihr geht es nicht um Paukenschläge gegen Euro-Spekulanten, sondern um Pragmatismus. Europa ist wichtig, na klar, aber Solidarität hat ihren Preis – den bestimmt sie erst intern und dann redet sie darüber.

Merkel erklärt sich nicht, sie doziert

Das sei die Merkelsche Art der Leidenschaft, sagt die Kanzlerin und die zeigt sich nicht nur in der Euro-Krise. Auch bei der Energiewende, der Wehrpflicht und bei Waffengeschäften. Nie weiß man vorher genau, wo die mächtigste Frau Deutschlands in dieser oder jener Frage steht, bevor sie ganz am Ende ihre Entscheidung verkündet. Merkel will uns nicht teilhaben lassen am politischen Prozess. Sie erklärt sich nicht, sie doziert.

Notfalls verblüfft sie ihre Kritiker mit kleinen Zetteln und zitiert wörtlich, was sie im letzten Frühjahr etwa zum Thema eines Europäischen Währungsfonds gesagt hat. Den meisten Wählerinnen und Wählern dürfte das aber herzlich egal sein. Sie brauchen kein Euro-Proseminar. Sie wollen von der Kanzlerin hören, warum die EU eineinhalb Jahre gebraucht hat, um Griechenland aus der finanziellen Gefahrenzone zu hieven und dass die Milliardenhilfen kein Fass ohne Boden sind. Sie erwarten eine Gefühlsregung, gerade in Krisenzeiten, vielleicht sogar das Eingeständnis nicht alles richtig gemacht zu haben. Irren macht menschlich, und dieses Eingeständnis sogar Politiker glaubwürdig.

Eine Verwalterin der Macht, keine Gestalterin

Man könnte meinen, so viel hätte auch Angela Merkel aus dem erbitterten Streit um den Atomausstieg gelernt. Doch sie bleibt auch danach eine Verwalterin der Macht, keine Gestalterin. Ihre Art der Leidenschaft hat die Mobilisierungskraft einer Schlaftablette. Am Anfang wurde sie genau deswegen gewählt, weil sie so praktisch und uneitel wirkte. Doch diese Faszination der Nüchternheit ist verblasst.

Nicht einmal jeder dritte Deutsche räumt ihr derzeit Chancen auf eine Wiederwahl ein. Das kann Merkel auch zur Halbzeit ihrer Regierung nicht egal sein. Doch ob ihr das Sorgen macht – wir wissen es nicht. Ihr mache die Arbeit Spaß, und es sei nicht absehbar, dass sich das in nächster Zeit ändert, sagt sie. Schon wieder so eine typisch Merkelsche Art der Leidenschaft.

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