Tote bei Massenprotesten in Syrien

Wieder hat es nach den Freitagsgebeten Massenproteste in Syrien gegeben: Hunderttausende sind in mehreren Städten auf die Straße gegangen, um gegen den syrischen Präsidenten Assad zu demonstrieren. Sicherheitskräfte sollen angeblich sieben Zivilisten erschossen haben.

Von Ulrich Leidholdt, ARD-Hörfunkstudio Amman

Tausende protestieren im Zentrum vor der Alhasan-Moschee in Damaskus. So jedenfalls will es ein Video der Opposition vermitteln. Sicherheitskräfte haben Teile der syrischen Hauptstadt abgeriegelt. Von Durchsuchungen, Verhaftungen, Strom- und Telefonsperren berichten Oppositionelle. Nachprüfbar ist das nicht. Syrien hindert ausländische Journalisten an der Einreise.

Wohl Hunderttausende sind landesweit auf den Straßen, fordern im Osten, in den kurdischen Gebieten, in Daraa, wo vor vier Monaten alles begann, und in Homs, den Sturz des Regimes. Die drittgrößte Stadt ist der neue Brennpunkt der Proteste. Ihr sind heute die Demonstrationen gewidmet. In Homs geht die Armee nach Augenzeugen mit Panzern gegen den Aufstand vor. „Sie können die Schüsse hören“, so ein Oppositioneller aus Homs, „die setzen alle Waffen ein: leichte, mittlere und schwere. Ständig gibt es Explosionen durch den Panzerbeschuss.“

Zwischen 20 und 40 Menschen sollen seit einer Woche getötet worden sein. Auch heute werden wieder Tote gemeldet. Sorgen bereiten der Opposition befürchtete Provokationen des Regimes – das wolle religiöse Unruhen zwischen der sunnitischen Mehrheit und der Minderheit der Allawiten anfachen – dieser Sekte gehört die Herrscherfamilie Assad an, sie stellt alle wichtigen Befehlshaber der Sicherheitskräfte. Tatsächlich hat es in Homs Tätlichkeiten unter der Bevölkerung gegeben.

Führung versucht Opposition zu spalten

Das Regime warnt seit dem Beginn der Proteste, dass diese zum Religionskrieg eskalieren wie im Irak. Auch sonst versucht die Führung die Opposition zu spalten: in solche, die das Gespräch mit einem Staat ablehnen, der auf sie schießt und Verhandlungswillige, die den von oben gelenkten nationalen Dialog akzeptieren.

„Die Regierung nimmt eine Zweiteilung vor“, analysiert Mahjoob Zweiri von der Uni Katar. Wer mit ihr redet, zählt zu den Guten, wer demonstriert zu den Bösen, gilt als militant. So rechtfertigt die Regierung ihre Gewalt gegen jene, die den Ruf zum Dialog ignorieren.    

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Syrische Staatsmedien berichten von fünf Soldaten, die von Terroristen in Homs getötet worden seien, als sie Ruhe und Ordnung sichern wollten. Organisatoren der Proteste warnen, man solle nicht auf Versuche des Regimes reinfallen, religiöse Unruhen anzuheizen – etwa durch Bewaffnung von Allawiten, weil die angeblich bedroht seien.

Unterdessen versuchen Familien aus der Region Homs sich im Libanon in Sicherheit zu bringen. Über 300 letzte Woche, über 5000 insgesamt. Erwartungen auf schnelle Rückkehr haben sie nicht – auch dieser Flüchtling im libanesischen Wadi Khaled: „Solange Armee und Milizen da sind, wird das nichts. Ich hoffe auf Besserung – aber wann?“ 

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