Ungarns Wikileaks heißt „atlatszo“

Mit einer Webseite à la Wikileaks versuchen kritische Journalisten in Ungarn, das umstrittene Mediengesetz zu umgehen. Ganz gelingt das nicht: Der Gründer von „atlatszo“, Bodoky, hat bereits Besuch von der Polizei bekommen.

Von Ralf Borchard, zzt. ARD-Studio Südosteuropa

Seit dem 4. Juli gibt es die ungarische Enthüllung-Website „atlatszo“ – schon hat es Gründer und Chefredakteur Tamás Bodoky mit der Polizei zu tun: „Ich habe einen Bericht über einen Hacker-Angriff auf eine Finanzberatungsgesellschaft veröffentlicht. Der Angriff fand bereits vergangenes Jahr statt – aber niemand hat bisher gewagt, darüber zu berichten, weil diese Firma selbst ein wichtiger Geldgeber für verschiedene Medien ist“, sagt Bodoky. Am Tag nach der Veröffentlichung habe die Polizei bei ihm geklingelt und gefragt, woher er von dem Hacker-Angriff wisse. „Sie haben eine meiner Festplatten beschlagnahmt und sich auf das neue Mediengesetz berufen.“


Screenshot der Webseite „atlatszo“: Am Tag nach der ersten Veröffentlichung kam die Polizei.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban
Ungarns Ministerpräsident Orbán hat mit dem Mediengesetz auch europaweit viel Kritik einstecken müssen.

Was ausgewogen ist, entscheidet ein Medienrat

Das Mediengesetz der Regierung von Viktor Orban ist seit Monaten in der Kritik. Es schreibt zwar „ausgewogene Berichterstattung“ vor, doch was ausgewogen bedeutet, entscheidet ein Medienrat, der allein mit Parteifreunden Orbans besetzt ist.

Bei Rügen des Medienrats drohen Zeitungen ruinös hohe Geldstrafen. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde Hunderten unliebsamen Redakteuren gekündigt. Und das Gesetz verlangt, unter nicht näher definierten Umständen Informationsquellen offenzulegen.

Ein Test für die Pressefreiheit

Bodoky sieht seine Enthüllungs-Plattform als direkte Antwort, als „ungarisches WikiLeaks“, wie er sagt: „Ich dachte mir, lasst uns das neue Gesetz testen, ob es die Pressefreiheit garantiert oder nicht.“ Der renommierte Universitätsdozent und Journalist hat in der Vergangenheit mehrere Preise gewonnen, unter anderem für das Aufdecken einer Korruptionsaffäre beim staatlichen Energieversorger MVM.

Wenn in Ungarn Affären offengelegt werden, sei das fast immer politisch gesteuert, sagt Bodoky: „Es gibt zum Beispiel ein sehr gut gemachtes investigatives Fernsehmagazin, finanziert allerdings von Geschäftsleuten, die der Orban-Partei Fidesz nahestehen. Also werden immer nur oppositionelle Sozialisten aufs Korn genommen. Aber andere Themen rühren sie nicht an.“

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„Selbst Anwälte können nicht einschätzen, was passiert“

Bodoky selbst hat den Anspruch, unabhängig zu sein. Er hofft auf Unterstützung privater Stiftungen, etwa aus Norwegen und den USA. Bisher arbeitet die Zehn-Mann-Redaktion weitgehend ehrenamtlich. Das inhaltliche Echo sieht er als Erfolg: „In der ersten Woche hatten wir 50.000 Leser. Wir wollen am Ende drei Funktionen erfüllen: Selbst recherchierte Geschichten veröffentlichen, die Möglichkeit für jedermann bieten, anonym Hinweise online zu stellen, und Bürger unterstützen, denen Regierungsbehörden Informationen verweigern.“

Ob man ihn gewähren lässt? Niemand wisse, was passieren werde, sagt Bodoky: „Selbst Anwälte können nicht einschätzen, was passiert, weil das neue Gesetz unpräzise ist. Es kommt also darauf an, wie die Behörden das Mediengesetz umsetzen.“

Original, Google Cache, archive.org

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