Mindestens 80 Tote bei Angriff auf Jugendlager

Die Zahl der Toten nach einem Bombenanschlag in Oslo und einem Angriff auf ein Jugendlager ist deutlich höher als zunächst angenommen. Mindestens 80 Menschen starben nach Polizeiangaben allein bei dem Angriff auf das Jugendcamp auf einer Insel westlich der norwegischen Hauptstadt Oslo. Es seien viele weitere Leichen gefunden worden, sagte Polizeisprecher Öystein Maeland am frühen Morgen auf einer Pressekonferenz in Oslo. Die Tat habe „katastrophale Dimensionen“ erreicht. Weitere Todesfälle könnten nicht ausgeschlossen werden, da es Schwerverletzte gebe. Zuvor hatten die Behörden die Zahl der Toten in dem Ferienlager mit zehn angegeben.

Ein als Polizist verkleideter Attentäter hatte am frühen Freitagabend das Feuer auf die etwa 560 Besucher des Ferienlagers einer sozialdemokratischen Jugendorganisation auf der Insel Utoya eröffnet. Unter den Jugendlichen brach nach Berichten norwegischer Medien Panik aus. Einige hätten auch versucht, sich schwimmend von der Insel zu retten. Norwegens König Harald V. sprach am Morgen von einer „unfassbare Tragödie“. „Es ist wichtig, dass wir zusammenstehen und einander stützen.“ Die Gedanken würden jetzt an alle Betroffenen und ihre Angehörigen gehen.

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  • Norwegen: Mindestens 80 Tote nach Schießerei im Jugendcamp
  • Länge: 0:00:48
  • Datum: 2011-07-23T05:23:00.000+02:00

Der Angriff auf das Lager erfolgte kurz nach einer Bombenexplosion vor dem Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg im Osloer Regierungsviertel. Dabei wurden sieben Menschen getötet. Die Polizei geht davon aus, dass eine Verbindung zwischen den beiden Taten besteht. Zumal Ministerpräsident Stoltenberg als Gast in dem Jugendcamp erwartet wurde.

Täter aus der rechten Szene?

Die Polizei nahm am späten Abend einen 32-jährigen Mann norwegischer Abstammung als Verdächtigen fest. Einem unbestätigten Medienbericht zufolge soll er Verbindungen zur rechten Szene haben. Er wird derzeit noch verhört. In der Nacht durchsuchten Ermittler die Wohnung des Mannes. Auf den Namen des 32-Jährigen seien zwei Schusswaffen registriert, hieß es unter Berufungen auf Meldungen des Senders TV 2.

Die Polizei vermutet die Drahtzieher der Anschläge im Inland und hatte zunächst keine Hinweise auf Verbindungen zum internationalen Terrorismus. Wahrscheinlicher sei eine lokale Variante, die sich gegen das politische System wende, meldete die Nachrichtenagentur NTB. Die Polizei kenne das Milieu, in dem sich der auf der Ferieninsel festgenommene Mann aufhalte.

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  • Christian Blenker (ARD) mit Einschätzungen zu den Anschlägen in Norwegen
  • Länge: 0:02:56
  • Datum: 2011-07-23T01:26:00.000+02:00

Am späten Abend war Regierungschef Stoltenberg vor die Presse getreten und hatte den Zusammenhalt im Land beschworen. Die Bevölkerung solle auf die Polizei hören, das Zentrum von Oslo meiden. Er habe eine Botschaft an die Täter: „Ihr werdet unsere Demokratie und unser Engagement für eine bessere Welt nicht zerstören.“ Niemand könne Norwegen „zum Schweigen schießen“, das Land werde nicht aufhören, zu seinen Werten zu stehen.

„Es war eine Bombe“

Explosion in Oslo
Sieben Menschen kamen bei der Detonation einer Autobombe in Olso ums Leben.

Bevor es zu der Schießerei in dem Ferienlager kam, hatte eine schwere Explosion die Osloer Innenstadt erschüttert. Vor dem 17-stöckigen Hauptgebäude der Regierung, in dem auch Stoltenberg sein Büro hat, detonierte der wahrscheinlich in einem Auto versteckte Sprengkörper. Sieben Menschen starben, viele weitere wurden verletzt. „Es war eine Bombe“, sagte der amtierende Osloer Polizeichef Sveinung Sponheim zur Ursache. Der Regierungschef war zum Zeitpunkt des Anschlags nicht im Büro. Auch alle Mitglieder seines Kabinetts sind unversehrt.

Nach der Explosion lagen Metall und Trümmerteile über Hunderte Meter verstreut. Auch mehrere benachbarte Ministerien wurden beschädigt. Das Ölministerium geriet in Brand.

Viertel abgesperrt, Hauptbahnhof evakuiert

Weitere Büros mussten evakuiert werden, darunter das der Boulevardzeitung „VG“. In den Straßen sind Rauchwolken zu sehen. Eine Journalistin des öffentlich-rechtlichen Senders NRK sagte, sie habe Menschen gesehen, die im Blut auf der Straße lägen. Die Wucht der Detonation habe Fenster des Verlagsgebäudes der „VG“ und des nahe gelegenen Regierungssitzes zerstört. Überall lägen Glasscherben.

Die Polizei sperrte das Viertel weiträumig ab. Auch unter anderem der Hauptbahnhof wurde evakuiert, nach Angaben der Zeitung „Aftenposten“ kontrollieren Polizisten am Flughafen zurzeit zudem alle ankommenden und abfahrenden Autos. Die Armee wurde inzwischen in der Innenstadt postiert. Die Bevölkerung wurde gebeten ihre Mobiltelefone nicht zu benutzen, um eine Überlastung der Netze zu vermeiden.

Original, Google Cache, archive.org

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