Mindestens 91 Tote bei Anschlägen in Norwegen

Bei einem Anschlag auf ein Zeltlager mit Jugendlichen nahe Oslo sind nach Polizeiangaben mindestens 84 Menschen getötet worden. „Wir schließen nicht aus, dass es noch mehr Tote gibt“, sagte ein Polizeisprecher. Es gebe viele Schwerverletzte. Ein Mann, der sich als Polizist verkleidet hatte, soll auf die Jugendlichen auf der Fjordinsel Utøya geschossen haben. Der 32-Jährige wurde festgenommen.

Die Polizei geht derzeit davon aus, dass derselbe Mann auch für den Bombenanschlag am Freitagnachmittag im Osloer Regierungsviertel verantwortlich ist. Dabei starben mindestens sieben Menschen und zahlreiche wurden verletzt. Weder Ministerpräsident Jens Stoltenberg noch Minister seiner rot-grünen Regierungskoalition kamen zu Schaden. Viele Gebäude wurden beschädigt. Die Innenstadt und der Bahnhof waren zeitweise weiträumig abgesperrt.

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  • Norwegen: Zahl der Todesopfer steigt dramatisch
  • Länge: 0:01:18
  • Datum: 2011-07-23T10:09:00.000+02:00

Im Anschluss an die Explosion in Oslo soll der Tatverdächtige zur etwa 50 Kilometer entfernten Insel Utøya aufgebrochen sein, wo ein alljährliches Jugendzeltlager der regierenden Arbeiterpartei stattfand. Dort soll der Mann, der laut Augenzeugen einen Pullover mit Polizeiemblem trug, das Feuer eröffnet haben. Viele der etwa 560 Teilnehmer des Jugendcamps flüchteten sich aus Angst vor dem Angreifer ins Wasser oder versuchten sich zu verstecken.

Karte Norwegen Utøya Oslo
Die Insel Utøya liegt etwa 50 Straßenkilometer nordwestlich von Oslo.

„Ich sah einen Polizisten mit Ohrenstöpseln“, erzählte die 16-jährige Hana der Zeitung „Aftenposten“. Plötzlich habe der Mann angefangen zu schießen. Viele Teilnehmer des Zeltlagers hätten versucht, sich schwimmend zu retten. Der Mann habe auch auf die Menschen im Wasser geschossen. Ein anderes Mädchen sagte: „Er ging langsam, aber sicher über die Insel und schoss auf alle. Er war so ruhig, das machte es so absonderlich.“ Die 19-jährige Emilie Bersaas berichtete: „Ich habe viele Menschen laufen und schreien gesehen, ich bin in das nächste Gebäude und habe mich unter einem Bett versteckt.“ Lisa Irene Johansen Aasbø sagte: „Ich habe überlebt, weil Menschen kamen und mich in ihr Boot gezogen haben.“ Aus Sicht der Helfer schilderte die Norwegerin Torill Hansen im NRK-Rundfunk, was für sie das Schlimmste war: Sie hatte mit ihrem Motorboot im Tyrifjord schwimmend flüchtende Jugendliche aus dem Wasser geholt. „Als ich zehn aufgenommen hatte, war das Boot voll. Es war so schrecklich, als ich die elften und zwölften abweisen musste.“

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Als Augenzeuge berichtete ein von der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF beauftragter Wachmann, der mutmaßliche Attentäter sei in einem silbergrauen Lieferwagen gekommen. Er habe sich an Land als Polizist ausgewiesen und über der entsprechenden Uniform auch eine schusssichere Weste getragen. Er sei mit den zwei Waffen gekommen. Weiter berichtete der als Wache fungierende Simon Brænden Mortensen: „Er sagte, er sei geschickt worden, um die Sicherheit zu überprüfen. Das sei reine Routine nach dem Anschlag in Oslo.“ Der mutmaßliche Täter wurde dann mit einem Boot der Ferienlager-Organisation auf die kleine Insel Utøya gebracht.

Hinweise auf rechte Gesinnung

Ermittler durchsuchten in der Nacht die Wohnung des Verdächtigen in Oslo. Die Polizei berichtete, der Mann sei nie Polizist gewesen. Nach seiner Festnahme sei er aussagewillig und habe „eine nationalistische Gesinnung“ sowie eine „antiislamische“ Haltung offenbart. Er sei bisher nicht im Blickfeld der Polizei gewesen. Polizeisprecher Roger Andersen sagte, der Verdächtige habe Postings auf einer Webseite für christliche Fundamentalisten veröffentlicht. Andersen nannte nicht den Namen der Websites oder die Inhalte der Postings. Dem Fernsehsender TV2 zufolge soll der 32-Jährige Kontakte zur rechten Szene unterhalten haben. Auf seinen Namen seien zwei Waffen gemeldet, darunter ein automatisches Gewehr. Auf der mittlerweile abgeschalteten Facebook-Seite des Verdächtigen war ein Mann mit blonden Haaren zu sehen. Er beschreibt sich dort als „konservativ“ und „christlich“.

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  • Christian Blenker (ARD) mit Einschätzungen zu den Anschlägen in Norwegen
  • Länge: 0:02:56
  • Datum: 2011-07-23T01:26:00.000+02:00

Unmittelbar nach dem Bombenanschlag in Oslo war zunächst über einen islamistischen Hintergrund spekuliert worden. Davon ist mittlerweile nicht mehr die Rede. Es gebe keinerlei Hinweise auf weitere Täter, so die Polizei. Dennoch werde in alle Richtungen ermittelt und nach eventuellen Komplizen gesucht. Auf einer Pressekonferenz am Morgen sagte Stoltenberg: „Es ist noch zu früh, um über die Motive zu reden.“ Es müssten zunächst weitere Ergebnisse abgewartet werden. Stoltenberg wollte ursprünglich heute das Zeltlager auf Utøya besuchen.

„Anschläge werden Norwegen verändern“

„Das ist ein Albtraum“, sagte er. Die Anschläge würden Norwegen verändern. Die Antwort des Landes müsse „noch mehr Demokratie und Offenheit“ sein, so Stoltenberg.

Norwegens König Harald V. forderte seine Landsleute auf, in der „schlimmsten nationalen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“ zusammenzustehen und einander zu stützen. Die Gedanken würden jetzt an alle Betroffenen und ihre Angehörigen gehen. Die Flaggen im Land wurden auf Halbmast gesetzt.

Explosion in Oslo
Sieben Menschen kamen bei der Detonation einer Autobombe in Oslo ums Leben.

Die norwegische Polizei hob unterdessen ihre Aufforderung an die Bevölkerung auf, Menschenansammlungen zu meiden und sich nach Hause zu begeben. Das Regierungsviertel in Oslo bleibe zwar bis auf Weiteres abgesperrt, die Lage im Zentrum der Stadt sei aber „nicht mehr chaotisch“, sagte ein Sprecher. Zugleich kündigte die Polizei verstärkte Sicherheitsvorkehrungen an potenziell bedrohten Gebäuden und Institutionen an.

Die Osloer Innenstadt wird vom Militär gesichert. Die Einheiten sollten vor allem die Ermittlungsarbeit der Polizei im Regierungsviertel absichern, sagte Stoltenberg. Im Laufe des Vormittags sammelten sich Passanten an den Absperrungen. In vielen Gesichtern stand das Entsetzen über das Ausmaß der Zerstörung. „Es ist schrecklich, dass wir jetzt auch eine solche Situation haben. Ich denke dabei auch an die Menschen in London, New York und anderen Orten, wo solches geschehen ist“, sagte Oslos Bürgermeister Fabian Stang.

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