Entsetzen über Zugunglück, Zweifel am Prestigeprojekt

Es ist der bislang schwerste Unfall in Chinas Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetz. Ein Zug raste in einen zweiten Zug, der nach einem Stromausfall auf einer Brücke stehen geblieben war. Zwei Waggons stürzten in die Tiefe. Bisherige Bilanz: Mindestens 43 Tote, etwa 200 Verletzte.

Von Frank Hollmann, ARD-Hörfunkstudio Peking

Am Morgen nach dem Unfall bildeten sich vor den Krankenhäusern in Wenzhou lange Schlangen. Besorgte Familien fragen nach ihren Angehörigen, aufgewühlt blättern sie in den Listen mit den Namen der Verletzten und Toten.

Andere kommen zum Blutspenden. Er habe im Internet davon gelesen und die Nachricht sofort alle Bekannten weitergeleitet, sagt ein Mann. Und der Experte von der Blutbank bestätigt, dass man nun zunächst genug Blutspenden habe. Aber noch sei nicht klar, wie viele Blutkonserven in den nächsten Tagen benötigt würden.

Einige Türen weiter kämpfen die Ärzte um das Leben der vielen Schwerverletzten. Man müsse noch mehr Tote befürchten, berichtet ein Reporter des staatlichen Fernsehens CCTV aus einem Krankenhaus: „Allein hier wurden 15 Menschen eingeliefert, drei Schwerverletzte werden gerade operiert. Natürlich behandelt das Krankenhaus sie kostenlos.“ Der Reporter betont dies bewusst – viele chinesische Krankenhäuser behandeln nur gegen Vorkasse.

Entgleister Zug in Wenzhou, China.
Der Schnellzug raste in einen anderen Zug, der auf der Brücke stand.

Retter suchen weiter nach Opfern

An der Unfallstelle arbeiten sich unterdessen die Einsatzkräfte durch die Trümmer, Suchhunde schnüffeln nach Opfern, die vielleicht in der Nacht nicht entdeckt worden waren. Viele Reisende hatte der Aufprall in den Kojen der Schlafwagenabteile überrascht.

Ursache des Unglücks war offenbar ein Stromausfall, ausgelöst durch einen Blitzschlag. Dadurch kam ein Zug auf einer Brücke zum Stehen. In ihn raste kurz danach ein zweiter Zug. In den letzten Augenblicken seines Lebens hatte Zugführer Pan Yiheng noch versucht, den Aufprall durch eine Notbremsung zu verhindern – vergebens.

Der Triebwagen und drei weitere Waggons des auffahrenden Zuges stürzten von der Brücke. Ein dieser Wagen bohrte sich senkrecht in die Erde. Erst am nächsten Morgen wurde er mit Kränen zu Boden gelassen, berichtet diese CCTV-Reporterin: „Inzwischen hat man den Fahrtenschreiber entdeckt. Vielleicht kann man so den Unfallhergang genau rekonstruieren. In der Nacht waren auch viele Anwohner zur Unfallstelle geeilt und halfen, die Opfer zu bergen.“

Entgleister Zug in Wenzhou, China.
Der Unfall nährt die Zweifel am ohnehin umstrittenen Hochgeschwindigkeitszug-Projekt.

Rasantes Streckenwachstum – Zweifel an der Sicherheit

Der Unfall von Wenzhou, einer boomenden Industriestadt mit der weltweit größten Schuhproduktion, ist der bislang schwerste eines chinesischen Hochgeschwindigkeitszuges. In nicht einmal einem Jahrzehnt entstand ein über 8000 Kilometer langes Bahnnetz, darüber rast auch deutsche ICE-Technik von Siemens.

Doch dieser rasante Ausbau birgt Gefahren. Erst vor wenigen Wochen wurde Eisenbahnminister Liu Zhijun gefeuert und angeklagt. Er soll sich am Bau der gerade fertig gestellten Trasse Peking-Schanghai bereichert haben. Befürchtungen wurden laut, das wegen der Unterschlagungen bei der Sicherheit geschludert wurde.

Immer wieder Pannen beim Prestigeprojekt

Bei der Jungfernfahrt auf der Strecke Peking-Schanghai Ende Juni sagte der leitende Ingenieur des Eisenbahnministeriums, He Huawu, man müsse die Sicherheit der Hochgeschwindigkeitsbahnen sicherstellen: „Auf dieser Strecke garantieren wir für die Sicherheit. Wir müssen uns auch vor Bedrohungen von außen wappnen, etwa vor Terroranschlägen. Dagegen ergreifen wir alle nötigen Maßnahmen.“

Dennoch gab es auch auf der Strecke Peking-Schanghai bereits in den ersten Wochen zahlreiche Pannen. Mehrfach fiel der Strom aus, Klimaanlagen streikten, Züge blieben liegen. Inzwischen fahren auf der Prestigestrecke weniger Züge als geplant, offenbar ist das Stromnetz überlastet.

Auch Zugführer Yang Cheng spürt den Stress in seinem High-Tech-Cockpit: „Das ist kein Job der Spaß macht, die Verantwortung ist sehr groß. Ein Mann wie ich hat tausende Menschenleben in der Hand.“

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