Die Gefährlichkeit des manischen Einzeltäters

Von Stefan Schölermann, NDR Info

Im Sicherheitsbericht der norwegischen Polizeibehörden klang es beruhigend: Im Jahr 2010 gab es von Rechts- oder Linksaußen keine Gefahr für die norwegische  Gesellschaft – „das dürfte sich 2011 nicht ändern“. Ein Satz, den man im nächsten Bericht gewiss nicht noch einmal so formulieren wird.

Und dennoch hatten die Sicherheitsbehörden kaum eine Chance, diese Tat zu verhindern. Denn hier gab es einen Einzeltäter, der zwar im Internet in einschlägigen rechtsextremen Foren kommunizierte, doch ansonsten keine persönlichen Kontakte zu rechtsextremen Netzwerken unterhielt, die es auch in Norwegen vereinzelt gibt.

In der Regel sind Sicherheitsbehörden recht gut informiert über das, was in diesen Kreisen geschieht. Denn in diesen Kreisen fällt es Polizei und Verfassungsschutz leicht, Kontaktleute zu platzieren, die Informationen weitergeben.

Der mutmaßliche Täter aber war ein Mann, der sich praktisch im Alleingang radikalisiert hat – ohne persönlichen Kontakt zu Gleichgesinnten aufzunehmen. Ein Tätertyp, den Sicherheitsbehörden auch hierzulande fürchten. Denn wenn diese Menschen sich ansonsten unauffällig verhalten, haben die Frühwarninstrumente des Staates kaum eine Chance, diese Personen als mögliche Gefährder wahrzunehmen und ihnen genauer auf die Finger zu sehen.

Welche Verantwortung tragen Norwegens Rechtspopulisten?

Eine andere Frage ist, was die rechtspopulistische Fortschrittspartei mit alledem zu tun hat. Immerhin war der Mann einige Jahre ihr Mitglied – und es gibt Schnittmengen zwischen dem, was er als seine politischen Ziele und Fantasien im Internet hinterlassen hat und dem, was diese Partei im politischen Alltag von sich gibt. Dazu gehören die Angst vor so genannter Überfremdung, die Angst vor dem Islam, vor einer multikulturellen Gesellschaft.

Wie andere rechtspopulistische Parteien im Norden hetzen auch die Protagonisten der norwegischen Fortschrittspartei gegen die traditionell liberalen Gesellschaften Skandinaviens, sehen sich in einer Art „Endkampf“ um den vermeintlichen Untergang der abendländischen Kultur. Wer mit solchen Parolen antritt, schafft ein politisches Klima, das im Extremfall auch Menschen wie den mutmaßlichen Attentäter zu ihren Taten antreiben kann.

Manisches Pamphlet mit der Handschrift eines Psychopathen

Und dennoch geht es zu weit, hier eine direkte Linie zu den Taten von Oslo zu ziehen. Denn erstens hat sich Fortschrittspartei klar von Gewalt distanziert. Außerdem trägt das wirre politisches Pamphlet von rund 1500 Seiten, das der mutmaßliche Täter im Internet hinterlassen hat, manische Züge. Die Inszenierung seines Internetauftritts, wenige Tage vor der Tat, trägt die Handschrift eines Psychopathen, dem es vor allem um Geltung und Beachtung zu gehen scheint. Das sind individuelle Tatmotive, für die die Rechtspopulisten keine Verantwortung tragen.

Deren Gefährlichkeit liegt nicht darin, dass einzelne ihre Propaganda als Rechtfertigung für Mordtaten heranziehen. Rechtspopulisten wollen ganz allgemein ein Klima schaffen, das liberale Gesellschaften dauerhaft in Frage stellt. Darin liegt ihre Gefahr.

Original, Google Cache, archive.org

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