Bingham – der umstrittene Wiederentdecker

Vor genau 100 Jahren sah erstmals der US-Abenteurer Bingham im peruanischen Dschungel die über Jahrhunderte versunkene Inkastadt Machu Picchu. Er erschloss in den Folgejahren die Ruinen. Manche Peruaner sehen in dem Amerikaner nicht den Wiederentdecker sondern eher einen Plünderer.

Von Julio Segador, ARD-Hörfunkstudio Südamerika

Als der US-Archäologe Hiram Bingham am 24. Juli 1911 bei seiner Expedition im peruanischen Regenwald auf die dicht bewachsenen Inkaruinen stößt, stockt ihm der Atem. Bingham, ein auf Hawaii geborener Abenteurer und Forschungsreisender ist überwältigt: „Vor mir waren Mauerreste, die zum Feinsten gehören, was die Inkas jemals gebaut haben. Was mochte dieser Ort darstellen? Weshalb hatten wir nie etwas von ihm erfahren?“

Machu Picchu
Auf einem 2430 Meter hohen Bergsattel thront die Stadt nahe des Gipfels Machu Picchu, von dem sie den Namen hat.

Machu Picchu
Hiram Bingham am Machu Picchu. Der Forscher und Abenteurer ist Vorbild für die Filmfigur „Indiana Jones“.

100 Jahre später – zum großen Jubiläum der Wiederentdeckung von Machu Picchu – gibt es in Peru große Fragezeichen hinter Hiram Bingham. Für die peruanische Historikerin Mariana Moulde de Pease ist der amerikanische Archäologe beileibe nicht der große Entdecker, für den die Welt ihn hält. Bingham habe aus vorliegenden Veröffentlichungen anderer Wissenschaftler schlicht die richtigen Schlüsse gezogen, meint sie. „Bingham fasst alle Informationen zusammen, und kommuniziert das Ergebnis kenntnisreich“, sagt sie. „Er fotografiert alles, tritt sehr selbstsicher auf. Und danach hat dieser damals erst 35-jährige Wissenschaftler alles sehr gut vermarktet.“

Inzwischen steht fest: Hiram Bingham war mit Sicherheit nicht der erste, der die verlorene Stadt der Inkas wiederentdeckte. Er war aber derjenige, der die wirkliche Bedeutung der Ruinenstadt erkannte und Machu Picchu in den Folgejahren der Welt erschloss.

Sendungsbild
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  • Das Rätsel Machu Picchu 100 Jahre nach der Entdeckung
  • Länge: 0:03:25
  • Datum: 2011-07-05T22:50:00.000+02:00

Bereits 40 Jahre vor Hiram Bingham war Machu Picchu entdeckt worden. Daran beteiligt waren auch zwei Deutsche. Um 1867 erwarb der Kaufmann August Berns von der peruanischen Regierung einen Claim. Es gibt Hinweise, dass Berns schon damals auf die Ruinen stieß. Fernando Astete, der Chefarchäologe in Machu Picchu verfolgt einen andere Theorie: „Für uns ist die wichtigeste These, dass Hermann Göhring, ein deutscher Geograph, den die peruanische Regierung 1874 zur Kartierung der Gegend engagiert hatte, während seiner Arbeit Machu Picchu entdeckte. All die Namen, die wir heute kennen, finden sich bereits in den Plänen von Göhring.“

Und noch jemand war mit Sicherheit vor Hiram Bingham in Machu Picchu: Augustín Lizárraga. Der einheimische Landwirt war 1902 in die Ruinenstadt gekommen und hatte dies auch auf einem Stein in Machu Picchu so festgehalten. Der Sohn Hiram Binghams, Alfred Bingham, schreibt in der Biographie seien Vaters, dass dieser den beschriebenen Stein entdeckt hatte. Im nahegelegenen Cusco ist vor wenigen Tagen eine Biographie über Augustín Lizárraga veröffentlich worden mit dem Titel: der große Entdecker von Machu Picchu.

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Auf Hiram Bingham, den amerikanischen Archäologen, sind die Peruaner ohnehin nicht besonders gut zu sprechen. Die Tatsache, dass er kistenweise die Funde aus Machu Picchu – darunter auch viele Mumien – in die USA schleppte, ärgert die Peruaner bis heute, sagt die Historikerin Mariana Moulde de Pease: „Hiram Bingham hat Machu Picchu entweiht. Er war der erste, der dort schamlos wütete mit der Konsequenz, dass die Ruinenstadt ab dem 20. Jahrhundert kein Heiligtum mehr war. Er hatte keinerlei Respekt vor dem Heiligtum und den menschlichen Überresten dort.“

Original, Google Cache, archive.org

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