Polizei sucht weiter nach Opfern

Zwei Tage nach dem Massenmord auf der norwegischen Insel Utøya werden noch immer vier bis fünf Teilnehmer eines Sommercamps der sozialdemokratischen Jugendorganisation vermisst. Taucher suchten in dem See rund um die Insel, wo ein Schütze mindestens 85 Menschen erschossen hatte, weiter nach Opfern. Die Menschen waren vor dem mit einem automatischen Gewehr und einer Pistole bewaffneten Attentäter geflüchtet und sind wahrscheinlich ertrunken.

Zahlreiche Überlebende des Massakers sind mit ihren Angehörigen weiter in einem Hotel nahe Utøya untergebracht. „Sie haben hier einen sicheren Ort und können mit Seelsorgern und Psychologen sprechen“, sagte ein Polizeisprecher. In den Krankenhäusern wurden noch 37 Verletzte behandelt. 20 Patienten sind laut Polizeiangaben in Lebensgefahr.

Trauer in Norwegen
Das Entsetzen in Norwegen ist groß – Menschen trauerten auch vor der Osloer Kathedrale, wo ein Gedenkgottesdienst stattfand.

Trauergottesdienste im ganzen Land

In der Osloer Kathedrale gedachten viele Menschen den 92 Toten und vielen Verletzten der Anschläge im Regierungsviertel und auf das Jugendlager auf Utøya. An der „Messe der Trauer und der Hoffnung“ nahmen unter anderem die Königsfamilie und Ministerpräsident Jens Stoltenberg teil.

Stoltenberg sagte, „jedes einzelne Opfer“ sei eine Tragödie. Norwegen werde aber „seine Werte niemals aufgeben“. Auch in vielen anderen Kirchen der Hauptstadt und im ganzen Land gab es Trauergottesdienste.

Bei einem Polizeieinsatz im Zusammenhang mit den Anschlägen wurden unterdessen vorübergehend mehrere Menschen festgenommen. Es sei aber kein Sprengstoff gefunden und die Festgenommenen wieder freigelassen worden, erklärte die Polizei. Sie hatte seit dem Vormittag ein Grundstück im Osten Oslos durchsucht.

Sendungsbild
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  • Christian Blenker (ARD) zum aktuellen Ermittlungsstand in Norwegen
  • Länge: 0:02:03
  • Datum: 2011-07-24T13:17:00.000+02:00

Verdächtiger gesteht Tat

Der mutmaßliche Täter, der sich auf Utøya widerstandslos von der Polizei festnehmen ließ, legte unterdessen ein Geständnis ab. Demnach hatte der 32-Jährige etwa zwei Stunden vor dem Massenmord auf der Insel im Osloer Regierungsviertel eine Bombe gezündet – dabei wurden mindestens sieben Menschen getötet. Die mehrere hundert Kilogramm schwere Bombe hatte er offenbar aus Kunstdünger und Diesel hergestellt. An die notwendigen großen Mengen Dünger kam er unverdächtig heran, weil er einen Bauernhof gepachtet hatte.

„Er hat den Bombenanschlag und die Schüsse gestanden“, sagte Polizeichef Sveinung Sponheim. „Er habe sich aber nicht eines Verbrechens für schuldig bekannt.“ Der mutmaßliche Täter habe ausgesagt, die Anschläge alleine verübt zu haben. „Wir müssen aber alles überprüfen, was er gesagt hat“, sagte Sponheim. Weitere Tatverdächtige gebe es aber nicht.

Der Anwalt des Festgenommenen sagte dem norwegischen Fernsehsender NRK, sein Mandant habe sein Handeln als „grausam“, aber „notwendig“ beschrieben. Aus seiner Sicht habe er „diese Taten zu Ende bringen müssen“.

1500 Seiten als Teil einer gezielten Selbstdarstellung

Mutmaßlicher Täter des Doppelanschlags in Norwegen
Der mutmaßliche Täter entwickelte eine Medienstrategie und stellte wenige Tage vor den Anschlägen eigene Fotos ins Internet.

Der 32-Jährige hatte die Anschläge offenbar seit mehrere Jahren geplant. Das geht aus einem mehr als 1500 Seiten langen Pamphlet hervor, das dem bekennenden Fundamentalchristen und Islamhasser zugeschrieben wird und im Internet kursiert. Das Dokument wurde teilweise als Tagebuch geführt, beansprucht wissenschaftlichen Charakter und offenbart die Fremdenfeindlichkeit und die bedingungslose „Multikulti“-Ablehnung des Autors.

Der englischsprachige Text ist unter einem Pseudonym verfasst. Es gibt mindestens zwei Versionen des Pamphlets, die sich in Seitenzahl, Speicherumfang und Speicherzeitpunkt unterscheiden. Beide tagesschau.de vorliegenden Versionen wurden den Metadaten zufolge einen Tag nach den Anschlägen zu unterschiedlichen Uhrzeiten und mit unterschiedlichen Programmen abgespeichert. Laut Medienberichten soll das Dokument aber vor den Anschlägen per E-Mail verschickt worden sein.

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Das Papier ist offenbar Teil einer gezielten Selbstdarstellung des 32-Jährigen. So wird auch beschrieben, wie man auf Fotos positiv wirkt. Nur eine Woche vor den Taten hatte der mutmaßliche Täter im sozialen Netzwerk „Facebook“ eine Seite eingerichtet, die mittlerweile abgeschaltet wurde. Dort stellte er sich sich nicht nur als „christlich“ und „konservativ“ dar. Er lud auch einige Fotos ins Internet, die nun weltweit in den Medien verwendet werden.

Original, Google Cache, archive.org

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