„Wir drohen eine ganze Generation zu verlieren“

Bei einem eilig einberufenen Krisengipfel in Rom hat die UNO schnelle Hilfen für die Hungernden am Horn von Afrika gefordert. Parallel seien auch langfristige Maßnahmen nötig. Eine ganze Generation könnte durch die Dürrekatastrophe verloren gehen, so eine UN-Mitarbeiterin.

Von Daniela Stahl, ARD-Hörfunkstudio Rom

Eine Katastrophe mit Anlauf, so nennt Angela Hinrichs von der Weltlandwirtschaftsorganisation FAO das, was gerade in Somalia und am Horn von Afrika passiert. Vor der Dürre habe man schon länger gewarnt, allerdings habe man nicht ahnen können, dass sie ein solches Ausmaß erreichen würde.

Doch die Region kämpfe auch schon ohne Dürre mit großen Problemen, so Hinrichs: „Am Horn von Afrika ist die Ernährungssicherung auch in normalen Jahren häufig nicht gewährleistet. Die Bevölkerung wächst stark, es muss zum Teil mehr produziert werden, wird es auch, aber das ist noch nicht genug. Es gibt Probleme mit Überweidung, die Tierhalter müssen immer weiter laufen, um ihre Tiere zu füttern.“ Die Menschen am Horn von Afrika seien Kleinbauern, die von Landwirtschaft und Tierhaltung lebten. Teilweise würden Nomaden dabei auch Ländergrenzen überschreiten.

Ein somalischer Flüchtling trägt sein geschwächtes Kind zum Arzt
Ein somalischer Flüchtling trägt sein geschwächtes Kind zum Arzt.

Dazu kommen steigende Preise für Lebensmittel, die vor allem den Armen besonders zu schaffen machen. Und in Somalia eben auch noch die schwierige politische Lage. Das Land hat seit 20 Jahren keine funktionierende Zentralregierung mehr. Einige Landesteile, darunter auch die, die besonders von der Dürre betroffen sind, werden von islamistischen Milizen kontrolliert. Diese behindern die Hilfsorganisationen immer wieder bei der Arbeit.

Die Katastrophe trifft vor allem die Kinder

Josette Sheeran, Direktorin des UN-Welternährungsprogramms
WFP-Direktorin Sheeran warnte vor langfristigen Hungerfolgen für Kinder.

Laut FAO und dem UN-Welternährungsprogramm (WFP) sind derzeit 3,7 Millionen Menschen in Somalia auf Hilfe angewiesen. Insgesamt litten am Horn von Afrika mehr als elf Millionen Menschen unter der Dürrekatastrophe. Am Wochenende waren Vertreter beider Organisationen in der Region, um sich ein Bild der Lage zu machen.

WFP-Direktorin Josette Sheeran war tief betroffen, welches Ausmaß das Leid der Menschen dort hat: „Ich habe Dutzende von Kindern gesehen, die nicht überleben werden. Und viele Mütter, mit denen ich gesprochen habe, mussten ihre Kinder auf dem Weg zurücklassen, weil sie zu schwach waren. Sie mussten diese Entscheidung treffen, um die anderen Kinder zu retten.“

Die Dürre betreffe vor allem die Schwächsten, die Kinder – mit fatalen Folgen für die Zukunft, betonte Sheeran. Studien würden belegen, dass bei Neugeborenen erst die Hälfte des Gehirns entwickelt sei. Die andere Hälfte entwickele sich erst in den ersten drei Lebensjahren. Und genau dies sei ein Problem: „Aber wenn sie schlecht ernährt sind, wird man den Unterschied zu einem gut ernährten Kind merken. Wir wissen, dass das nicht rückgängig zu machen ist. Und deshalb laufen wir Gefahr, am Horn von Afrika eine ganze Generation von Kindern zu verlieren, deren Gehirn und Körper dauerhaft geschädigt werden, wenn es uns nicht gelingt, ihnen die lebenswichtige Ernährung zukommen zu lassen.“

Wettlauf gegen die Hungersnot

FAO-Direktor Jacques Diouf (mi.) auf dem Krisengipfel in Rom
FAO-Direktor Jacques Diouf (mi.) wünscht sich eine permanente Koordinierungsstelle.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch die gute Nachricht ist, dass man, anders als zum Beispiel nach Erdbeben in der Region, nicht bei Null anfangen muss. Die FAO betont, dass vor Ort bereits eine Hilfsstruktur existiere. Aber die müsse nun noch besser koordiniert werden, damit die Soforthilfe schneller ankomme.

Auf der Krisenkonferenz berieten Vertreter aus rund 190 Staaten darüber, wie Hilfe grenzüberschreitend organisiert werden kann. Denn neben Somalia sind auch andere Länder wie Kenia, Äthiopien oder Uganda von der Dürre betroffen. FAO-Direktor Jacques Diouf forderte deshalb eine Art permanentes Komitee als Koordinierungsstelle für die Organisationen.

Akute Nothilfe – und langfristige Begleitung

Vor allem ging es bei dem Treffen aber auch um langfristige Hilfen. Die gebe es zwar schon, so Angela Hinrichs, aber sie reichten noch nicht: „Im Moment ist es natürlich wichtig, akute Nothilfe zu leisten. Aber es muss parallel auch längerfristig Hilfe anlaufen, um die Landwirtschaft zu fördern, damit eben auch mit der Regenzeit im Oktober die Bauern wieder pflanzen können. Damit die Tiere vorbereitet sind und nicht noch kränker werden. Es müsste langfristig mehr in die Landwirtschaft investiert werden, in die Kommerzialisierung der Landwirtschaft, in die Infrastruktur, in die Bewässerungssysteme und in verbessertes Saatgut.“ Nur dann könne das Problem langfristig gelöst werden.

Die Konferenzteilnehmer appellierten deshalb an die Geberländer, ihre Hilfen für die Region möglichst schnell bereitzustellen. Die FAO hat für Mittwoch zu einer internationalen Geberkonferenz nach Nairobi geladen. Dabei soll mehr als eine Milliarde Euro gesammelt werden. WFP-Direktorin Sheeran appellierte bereits jetzt: „Es geht hier darum, Leben zu retten. Nicht um Politik oder irgendetwas anderes. Sondern darum, dass die Menschheit zusammen hilft, Leben zu retten.“

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