Ein Jahr nach der großen Flut

Die Fluten in Pakistan schwemmten Hütten, Reisfelder und Tiere fort – ein Jahr nach der Jahrhundertflut sind die meisten Menschen wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt und leben in Hütten aus Bambus und Reet. Noch immer sind die Schäden nicht behoben.

Von Sabina Matthay, ARD-Hörfunkstudio Südasien

Ein Jahr ist es her, dass der Indus den Menschen in Patel Allahdenu alles nahm: „Als die Fluten ihre Hütten fortschwemmten, die Reis- und Baumwollfelder wegspülten und ein halbes Dutzend Ziegen und Büffel mitrissen, da retteten die 30 Familien sich in ein Lager in der nahen Stadt Thatta“, erzählt die alte Papu. Hilfswerke versorgten sie dort mit sauberem Wasser, Lebensmitteln, Kleidung, Medikamenten. Doch es zog die Kleinbauern zurück, sobald das Wasser abgeebbt war. „Vielleicht hätten sich sonst andere unser Land angeeignet“, sagt Papu zur Erklärung. Nicht Sentimentalität, sondern prekäre Eigentumsverhältnisse beschleunigten die Rückkehr der meisten Flutvertriebenen in ihre Dörfer und Weiler.

Provinz Sindh am stärksten betroffen

Zerstörte Dörfer
Ein Jahr nach der Flutkatastrophe sind die Orte, die Dörfer waren, noch immer Ruinen. ‎

Die Zeltplanen aus dem Lager brachten die Menschen in Patel Allahdenu über den Winter, inzwischen haben sie Hütten aus Bambus und Reet errichtet. Ein Hilfswerk stellte ihnen Saatgut und Dünger zur Verfügung; von den 20.000 Rupien staatliche Nothilfe pro Familie, umgerechnet 160 Euro, wurden Ziegen gekauft.

Nur der Großgrundbesitzer, dessen Felder sie bestellen, hat sich bis heute nicht blicken lassen: „Es gibt keine Betroffenen, die nicht schon wieder selbst für sich sorgen könnten“, sagt Nisar Chanar vom Katastrophenschutz der Provinz Sindh. Sindh, die große Ebene, durch die der Indus ins Arabische Meer fließt, war am heftigsten von der Katastrophe betroffen. „Beispiellose Fluten waren das“, erinnert er sich. Darauf seien die Behörden einfach nicht vorbereitet gewesen. Dabei hatten die Wassermassen sich Tage zuvor mit Verwüstungen im Norden Pakistans angekündigt.

Als sie Sindh erreichten, hielten die maroden Uferbefestigungen dem Druck des Wassers an vielen Stellen nicht stand. Mancherorts wurden die Deiche wohl auch absichtlich durchstochen, damit die Ländereien der Großgrundbesitzer intakt blieben. Einige hundert Menschen in der Provinz ertranken, mehrere Millionen flohen vor der Flut. Vor allem dank der schnellen Reaktion von Internationalen Organisationen und einheimischen Hilfswerken kamen die meisten in Zeltlagern unter. Epidemien und Hungersnöte blieben aus.

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Doch der Wiederaufbau ist längst nicht abgeschlossen, Straßen, Stromnetz, Schulen, Deiche sind nicht repariert und nun hat die Regenzeit begonnen, der Wasserstand in Flüssen und Kanälen ist hoch. „Wir brauchen jetzt Unterkünfte, die dem Monsun standhalten“, sagt Hussein, der Dorf-Älteste von Patel Allahdenu.

Bauern kaum noch auf Spenden angewiesen

Die Bauern im nahegelegenen Ismael Mirjat sind gelassener. Das pakistanische Hilfswerk HANDS hat mit Mitteln der deutschen Medico International 50 gemauerte Unterkünfte finanziert, die Landwirte haben beim Bau mitgeholfen: „Vor der Flut hatten wir nur Hütten. Zum ersten Mal, solange wir zurückdenken können, leben wir jetzt in festen Unterkünften“, erzählt Mahmad Ismail, der gut genährte Wortführer der 500 Dorfbewohner. Längst bestellen sie wieder ihre Felder und sind kaum noch auf Nahrungsmittelspenden angewiesen. Denn HANDS und Medico haben enormen Anschub gegeben. „19 Ziegen, zwei Eselskarren, zwei Schubkarren, drei Nähmaschinen hat die Organisation zur Verfügung gestellt“, zählt ein Mitarbeiter von HANDS auf. Hilfe zur Selbsthilfe für die Dorfgemeinschaft, doch ein Jahr nach der großen Flut nicht stellvertretend für die große Mehrheit der Betroffenen.

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