„Norwegen wird sich durch die Anschläge verändern“

Die Anschläge in Norwegen bestimmen auch in Deutschland die Kommentarspalten der Tageszeitungen. Spekuliert wird dabei nicht nur über mögliche Veränderungen in der norwegischen Gesellschaft und die Hintergründe des Täters – sondern auch über die Rolle der Medien und selbsternannter Terrorexperten.

„Die Welt“ schreibt: „Das Massaker in Norwegen rührt an den Festen dieser offenen Gesellschaft. Doch wenn Premier Stoltenberg den Vergleich zum Zweiten Weltkrieg sucht, was Ausmaß und Schwere des Verbrechens anbelangt, so klingt dies unverhältnismäßig wuchtig. Wohl meint er nichts anderes als die Erschütterung und das blanke Entsetzen, das Mord und Gewalt bei jedem Menschen bewirken, der mit ansehen muss, wie andere aus dem Leben gerissen werden, und der dazu verdammt ist, mit diesen Bildern und dieser unauslöschlichen Erinnerung weiterzuleben. Die Wunden heilen schwer. Besonders in einem Land wie Norwegen, das sich so hoch estimiert. So steht Skandinavien, lange bemüht als Hort des selig machenden Sozialstaates, heute getroffen da. Doch vielleicht gewinnt man gerade durch den Angriff Kraft. Offene Gesellschaften sind stärker, als sie glauben. Wenn sie an sich glauben.“

„Es ist der Preis für die offene Gesellschaft, dass es gewiefte Verbrecher gibt, die durch ihr Sicherheitsnetz schlüpfen können. Norwegen wird sich durch die Anschläge verändern, das ist unvermeidbar. Aber die Signale, die jetzt von König, Regierungschef und den Menschen im Land kommen, sind ermutigend. ‚Ich bewahre den Glauben, dass Freiheit stärker ist als Furcht. Ich bewahre den Glauben an eine offene Demokratie und Gesellschaft‘, sagte König Harald in seiner Rede an die Nation und sprach damit seinen Landsleuten aus dem Herzen. Wenn den Worten Taten folgen, kann Norwegen seine Rolle als Musterstaat bewahren“, hofft die „Stuttgarter Zeitung“.

Die „Leipziger Volkszeitung“ gibt zu bedenken: „Was es aufzuarbeiten gilt, sind die Begleitumstände der Attentate. Dass die Polizei-Spezialkräfte erst verzweifelt ein Boot suchen müssen, um nach über einer Stunde das Massaker auf der Ferieninsel zu beenden, ist schier skandalös. Dieses Notfall-Desaster ist auch in einer freiheitsliebenden Gesellschaft nicht entschuldbar.“

„Dass dieser Akt der Barbarei das blutige Werk eines Einzeltäters gewesen sein könnte, schien zunächst ausgeschlossen – bis eine Polizei-Sondereinheit mit dem 32-jährigen Anders B. Breivik einen blonden, blauäugigen Fanatiker festnahm, der sich selbst als konservativen Christen im Kampf gegen Islam und ‚Kulturmarxismus‘ sieht. Der Massenmord in Norwegen zeigt eines deutlich: Staaten können Gesetze verschärfen und Polizei, Geheimdienste wie Militär in Stellung bringen gegen Terrorbanden und Diktatoren. Gegen hasserfüllte Einzeltäter aber gibt es kaum einen wirksamen Schutz. Insofern unterscheidet sich ein Anders B. Breivik kaum von Amokläufern wie in Emsdetten oder Winnenden“, meint die „Lausitzer Rundschau“ aus Cottbus.

Die „Süddeutsche Zeitung“ beschäftigt sich mit der Person des Täters: „Der Anschlag auf das eigene Volk, die Ermordung der eigenen Leute um einer Läuterungsphantasie willen, gehört zu den Merkmalen des Terrorismus der extremen Rechten. Gewöhnlich, so beim Attentat in Oklahoma City im Jahr 1995, so beim Anschlag im Bahnhof von Bologna 1980, so vermutlich beim Anschlag auf dem Oktoberfest im selben Jahr, ist das Instrument des rechtsextremen Terroristen die Bombe. Anders Behring Breivik aber erschoss die Jugendlichen, die er sich zu Feinden erwählt hatte, und viele von ihnen jagte er einzeln. Aber auch darin steckt weniger ein Wahn als äußerste Konsequenz: Denn jede Eskalation des Mordens muss in der Logik dieses Terroristen als Indiz seiner Entschlossenheit gelten. Er brauchte die Opfer, um seinem Manifest das Gewicht einer Botschaft zu geben, die niemand ignorieren kann. Diesen Ernst zu verstehen – darum geht es jetzt. Denn dies war nicht die Tat eines Verwirrten.“

Das sieht die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ anders: „Wie irrsinnig der Täter von Oslo und Utoya ist, zeigt mehr als sein Handeln der Schlusspunkt, den er setzte: Er ließ sich von der Polizei festnehmen – ohne sich einerseits zu wehren und damit seine Erschießung zu provozieren oder andererseits sich selbst zu erschießen. Ein Mensch, der im Alter von 32 Jahren eine Stunde lang auf Mädchen und Jungen geschossen hat und dabei das Töten beabsichtigt und wohl auch wahrgenommen hat, bildet sich also ein, mit dieser Last fortan leben zu können – und zwar, da es die Todesstrafe in Europa nicht gibt, über Jahrzehnte bis zu seinem natürlichen Ableben. Wenn sich nicht noch herausstellt, dass diesem Mann eine medizinisch aussichtslose Diagnose gestellt worden war, dann hat die Welt es hier mit einer Mischung aus unfassbarer Grausamkeit den Mitmenschen gegenüber und entlarvender Feigheit sich selbst gegenüber zu tun. Oder lebt er von dem Wahn, Gesinnungsgenossen würden ihn eines Tages aus der Haft befreien und auf ihren Schultern nach Brüssel oder Rom tragen?“

Die „Heilbronner Stimme“ befürchtet Auswirkungen auf den ganzen Kontinent: „Die Tat sollte allen Europäern zu denken geben. Allen – vor allem uns Deutschen. Multikulti ist die Zukunft unseres Landes. Wer etwas anderes behauptet, tut dies wider besseres Wissen. Wie oft hören wir bei dumpfen ausländerfeindlichen Parolen weg? Wie arglos werden manche ausländerdiskriminierenden Worte oder Schriften verharmlost? Damit wird der Nährboden für verrückte Einzeltäter bereitet. Oslo kann überall sein.“

Einen anderen Aspekt beleuchtet die „Frankfurter Rundschau“: „Der Schock gibt Anlass zu Reflexionen und Selbstkritik. Vorschnell haben wir – Politiker, Terrorexperten, Journalisten – nach den ersten Meldungen über den Anschlag von Oslo die islamistische Karte gezogen. Trotz aller Vorbehalte, dass nichts bewiesen sei, konnten wir uns kaum andere Motive vorstellen als einen Racheakt muslimischer Fanatiker für Afghanistan- Krieg oder Mohammed-Karikaturen.“

„Norwegen war eindeutig der Super-GAU der Terrorexperten. Was da schon wenige Minuten nach dem Bekanntwerden des Anschlages über dessen Hintergründe vermeintlich analysiert wurde, lässt sich als Größtmöglich Anzunehmender Unsinn beschreiben. Auf allen Kanälen schwadronierten die vom Fernsehen ernannten Fachleute über politische Militanz und erzählten aus dem islamistischen Nähkästchen. Binnen Kurzem hatten sie die Öffentlichkeit zu Fachleuten über die skandinavische Al-Kaida-Szene gemacht und Wasser auf die Mühlen der allumfassenden Islamophobie gegossen. Ein Experte sollte, so die Definition seiner Aufgabe, Fakten abwägen und dann seine Einschätzung geben. Manchmal würde so mancher Journalist oder Experte mit der Aussage ‚Wir wissen es noch nicht‘ mehr Glaubwürdigkeit beweisen. Das aber wiederum entspricht nicht dem Medien-Echtzeit-Terror, in dem der Anschlag bereits geklärt sein will, wenn sich noch nicht einmal der Staub gelegt hat“, kritisiert die Berliner „Tageszeitung“.

(Quelle: Deutschlandfunk)

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