Schweigeminute für die Anschlagsopfer

Ganz Norwegen will heute der mindestens 93 Toten der Terroranschläge mit einer Schweigeminute gedenken. Das kündigte Premierminister Jens Stoltenberg nach einem Gespräch mit König Harald V. in Oslo an. Wie die Zeitung „Dagbladet“ weiter in ihrer Online-Ausgabe berichtete, hat auch die Regierung im benachbarten Schweden die Bevölkerung zu der Schweigeminute um 12.00 Uhr aufgerufen. Vor dem Amtssitz des Regierungschefs in Stockholm soll die schwedische Flagge auf Halbmast gesetzt werden.

Wenig später soll der geständige Attentäter in Oslo einem Haftrichter vorgeführt werden. Er fordert eine öffentliche Anhörung, um seine Motive darzulegen. Das Gericht wird darüber am Vormittag entscheiden. Die Staatsanwaltschaft will den Ausschluss der Öffentlichkeit beantragen.

Maximal 21 Jahre Haft

Trauernde in Oslo
Trauer und Bestürzung in Oslo.

In der Hauptverhandlung kann gegen Anders Behring Breivik laut norwegischem Gesetz keine lebenslange Haftstrafe ausgesprochen werden. „Egal wie viele Menschen er umgebracht hat, er kann maximal zu 21 Jahren Haft verurteilt werden“, sagte der Strafrechtsprofessor der Universität Oslo, Staale Eskeland. Jedoch sei es möglich, nach Verbüßung der Haftstrafe alle fünf Jahre eine Art Sicherungsverwahrung anzuordnen, wenn Wiederholungsgefahr bestehe. „Theoretisch kann der Täter den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen“, so Eskeland. Derzeit arbeitet das Parlament an einer Erhöhung der Haftstrafe für Terroristen auf maximal 30 Jahre. Da das Gesetz aber noch nicht in Kraft ist, kann es auf den Täter von Oslo und Utøya nicht angewandt werden.

Polizei weist Vorwürfe zurück

Die norwegische Polizei verteidigte sich gegen den Vorwurf, zu spät eingegriffen zu haben. Der Osloer Polizeichef Anstein Gjengedal sagte am im TV-Sender NRK, die Antiterroreinheit Delta sei am Freitag sofort nach dem ersten Alarmruf trotz der vorherigen Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel in Gang gesetzt worden. Die Eliteeinheit der Polizei war in Autos aus dem 45 Kilometer entfernten Oslo gekommen.

Sie verlor nach Angaben mehrerer Medien auch Zeit, weil beim Übersetzen auf die kleine Fjordinsel Utøya ein Bootsmotor streikte. Gjengedal sagte zur Entscheidung für Autos statt Hubschrauber als Transportmittel: „Es war einfach das Schnellste.“ Der als Transportmittel einzig denkbare Hubschrauber des norwegischen Militärs habe außerhalb Oslos gestanden und wäre deshalb alles in allem langsamer gewesen. „Wir haben mehrere Jahre lang um einen eigenen Transporthubschrauber gebeten, aber ohne Erfolg“, sagte der Polizeichef von Norwegens Hauptstadt. Der einzige Überwachungshubschrauber der Polizei war für einen schnellen Flug nach Utøya nicht einsetzbar, weil das gesamte Personal Ferien machte.

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Der 32-Jährige hatte am Freitag auf der Insel Utøya mindestens 86 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Jugendlagers getötet. Eine Stunde lang schoss er mit einem Schnellfeuergewehr gezielt auf die zunehmend panischen Jugendlichen. Viele versuchten, sich zu verstecken oder die 700 Meter bis zum rettenden Ufer durch das kalte Wasser zu schwimmen.

Munition für besonders schwere Verletzungen ?

Bei dem Angriff setzte der Täter offenbar sogenannte Dum-Dum-Geschosse ein. Das sind spezielle Projektile, die im Körper des Getroffenen zersplittern und besonders schwere innere Verletzungen anrichten. So betonte Colin Poole, Chefarzt der Chirurgie am Ringriket-Krankenhaus in Honefoss: „Diese Projektile sind mehr oder weniger im Innern des Körpers explodiert.“ Daher sei es besonders schwer, den Verletzten zu helfen.

Wie nun bekannt wurde gehört zu den Opfern auch ein Stiefbruder der norwegischen Prinzessin Mette-Marit. So berichtete die Zeitung „Dagbladet“ in ihrer Online-Ausgabe, dass der 51-jährige Polizist Trond Berntsen erschossen wurde, als er seinen zehnjährigen Sohn schützen wollte. Berntsens Vater war mit der Mutter Mette-Marits, Marit Tjessem, verheiratet.

Sendungsbild
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  • Claudia Buckenmaier (ARD) zum weiteren Vorgehen der Behörden
  • Länge: 0:01:13
  • Datum: 2011-07-24T23:29:00.000+02:00

Explosion im Regierungsviertel

Vor dem Massaker hatte er im etwa 50 Straßenkilometer entfernten Oslo mit einer selbstgebauten Autobombe Teile der Innenstadt in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Mindestens sieben Menschen wurden durch die Wucht der Explosion und Trümmer getötet. Das Büro von Premierminister Stoltenberg wurde völlig verwüstet. Möglicherweise sollte die Explosion die Polizei ablenken.

In einem Geständnis bezeichnete er seine Taten als „grausam, aber notwendig“. Seit dem Frühjahr hatte der 32-Jährige sechs Tonnen Kunstdünger zusammengekauft, der zur Herstellung von Bomben geeignet war. Über Netzwerke im Internet pflegte er Kontakte in die rechte Szene. „Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat“, so Verteidiger Geir Lippestad in örtlichen Medien.

Taten waren jahrelang geplant

Mutmaßlicher Täter des Doppelanschlags in Norwegen
Der mutmaßliche Täter stellte wenige Tage vor den Anschlägen eigene Fotos ins Internet.

Nach den Ermittlungen handelte der Mann wahrscheinlich als Einzeltäter. Mehrere Jahre lang soll er seine Taten geplant haben. Das geht aus einem mehr als 1500 Seiten langen Pamphlet hervor, das dem bekennenden Fundamentalchristen und Islamhasser zugeschrieben wird und im Internet kursiert. Das Dokument wurde teilweise als Tagebuch geführt, beansprucht wissenschaftlichen Charakter und offenbart die Fremdenfeindlichkeit und die bedingungslose „Multikulti“-Ablehnung des Autors.

1500 Seiten als Teil einer gezielten Selbstdarstellung

Das englischsprachige Pamphlet ist unter einem Pseudonym verfasst. Es gibt mindestens zwei Versionen des Papiers, die sich in Seitenzahl, Speicherumfang und Speicherzeitpunkt unterscheiden. Beide tagesschau.de vorliegenden Versionen wurden den Metadaten zufolge einen Tag nach den Anschlägen zu unterschiedlichen Uhrzeiten und mit unterschiedlichen Programmen abgespeichert. Laut Medienberichten soll das Dokument aber vor den Anschlägen per E-Mail verschickt worden sein.

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Das Papier ist offenbar Teil einer gezielten Selbstdarstellung. So wird auch beschrieben, wie man auf Fotos positiv wirkt. Nur eine Woche vor den Taten hatte der mutmaßliche Täter im sozialen Netzwerk „Facebook“ eine Seite eingerichtet, die mittlerweile abgeschaltet wurde. Er lud auch einige Fotos ins Internet, die nun weltweit in den Medien verwendet werden.

Original, Google Cache, archive.org

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