Norwegen verharrt in Trauer

Zum Gedenken an die mehr als 90 Opfer der Anschläge in Norwegen wurde um zwölf Uhr in vielen Ländern eine Schweigeminute eingelegt.

In Oslo leiteten der norwegische König Harald V. und Premierminister Jens Stoltenberg das stille Gedenken in der Aula der Universität ein. Sie trugen sich als Erste in eine Kondolenzbuch für die überwiegend jugendlichen Opfer des Attentäters ein. Überall in dem skandinavischen Land ließen die knapp fünf Millionen Bürger die Arbeit ruhen. Alle Eisenbahnzüge wurden zum Halten gebracht, in Oslo ruhte auch der Straßenverkehr, an den Flughäfen und an der Börse wurde die Arbeit während der Schweigeminute niedergelegt.

„Angriff auf uns alle“

An dem öffentlichen Gedenken beteiligten sich aus Solidarität mit Norwegen auch Schweden, Dänemark, Island und Finnland. Dort hatten die Regierungen die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Opfer ebenfalls zu würdigen. An sämtlichen offiziellen Gebäuden standen die Landesfahnen zum Zeichen der Trauer auf Halbmast. Dänemarks Regierungschef Lars Lökke Rasmussen sprach in seinem Appell zur Teilnahme an der Schweigeminute von einem „Angriff auf uns alle“. Sein finnischer Kollege Jyrki Katainen rief dazu auf, die „Werte einer offenen Gesellschaft und der Demokratie zu verteidigen, auch wenn sie angegriffen werden“.

Sendungsbild
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  • Norwegen steht still: Schweigeminute für Attentatsopfer
  • Länge: 0:01:01
  • Datum: 2011-07-25T12:11:00.000+02:00

Anhörung unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Am Nachmittag soll der geständige Attentäter in Oslo einem Haftrichter vorgeführt werden. Die Anhörung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der mutmaßliche Attentäter, Anders Behring Breivik, hatte zuvor darauf gedrängt, seine Motive öffentlich darzulegen. In der Hauptverhandlung kann gegen ihn laut norwegischem Gesetz keine lebenslange Haftstrafe ausgesprochen werden.

„Egal wie viele Menschen er umgebracht hat, er kann maximal zu 21 Jahren Haft verurteilt werden“, sagte der Strafrechtsprofessor der Universität Oslo, Staale Eskeland. Jedoch sei es möglich, nach Verbüßung der Haftstrafe alle fünf Jahre eine Art Sicherungsverwahrung anzuordnen, wenn Wiederholungsgefahr bestehe. „Theoretisch kann der Täter den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen“, so Eskeland.

Polizei weist Vorwürfe zurück

Trauernde in Oslo
Trauer und Bestürzung in Oslo.

Die norwegische Polizei verteidigte sich gegen den Vorwurf, zu spät eingegriffen zu haben. Der Osloer Polizeichef Anstein Gjengedal sagte am im TV-Sender NRK, die Antiterroreinheit Delta sei am Freitag sofort nach dem ersten Alarmruf trotz der vorherigen Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel in Gang gesetzt worden. Die Eliteeinheit der Polizei war in Autos aus dem 45 Kilometer entfernten Oslo gekommen.

Sie verlor nach Angaben mehrerer Medien auch Zeit, weil beim Übersetzen auf die kleine Fjordinsel Utøya ein Bootsmotor streikte. Gjengedal sagte zur Entscheidung für Autos statt Hubschrauber als Transportmittel: „Es war einfach das Schnellste.“ Der als Transportmittel einzig denkbare Hubschrauber des norwegischen Militärs habe außerhalb Oslos gestanden und wäre deshalb alles in allem langsamer gewesen. „Wir haben mehrere Jahre lang um einen eigenen Transporthubschrauber gebeten, aber ohne Erfolg“, sagte der Polizeichef von Norwegens Hauptstadt. Der einzige Überwachungshubschrauber der Polizei war für einen schnellen Flug nach Utøya nicht einsetzbar, weil das gesamte Personal Ferien machte.

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Der 32-Jährige hatte am Freitag auf der Insel Utøya mindestens 86 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Jugendlagers getötet. Eine Stunde lang schoss er mit einem Schnellfeuergewehr gezielt auf die zunehmend panischen Jugendlichen. Viele versuchten, sich zu verstecken oder die 700 Meter bis zum rettenden Ufer durch das kalte Wasser zu schwimmen.

Munition für besonders schwere Verletzungen ?

Bei dem Angriff setzte der Täter offenbar sogenannte Dum-Dum-Geschosse ein. Das sind spezielle Projektile, die im Körper des Getroffenen zersplittern und besonders schwere innere Verletzungen anrichten. So betonte Colin Poole, Chefarzt der Chirurgie am Ringriket-Krankenhaus in Honefoss: „Diese Projektile sind mehr oder weniger im Innern des Körpers explodiert.“ Daher sei es besonders schwer, den Verletzten zu helfen.

Wie nun bekannt wurde gehört zu den Opfern auch ein Stiefbruder der norwegischen Prinzessin Mette-Marit. So berichtete die Zeitung „Dagbladet“ in ihrer Online-Ausgabe, dass der 51-jährige Polizist Trond Berntsen erschossen wurde, als er seinen zehnjährigen Sohn schützen wollte. Berntsens Vater war mit der Mutter Mette-Marits, Marit Tjessem, verheiratet.

Explosion im Regierungsviertel

Vor dem Massaker hatte er im etwa 50 Straßenkilometer entfernten Oslo mit einer selbstgebauten Autobombe Teile der Innenstadt in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Mindestens sieben Menschen wurden durch die Wucht der Explosion und Trümmer getötet. Das Büro von Premierminister Stoltenberg wurde völlig verwüstet. Möglicherweise sollte die Explosion die Polizei ablenken.

In einem Geständnis bezeichnete er seine Taten als „grausam, aber notwendig“. Seit dem Frühjahr hatte der 32-Jährige sechs Tonnen Kunstdünger zusammengekauft, der zur Herstellung von Bomben geeignet war. Über Netzwerke im Internet pflegte er Kontakte in die rechte Szene. „Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat“, so Verteidiger Geir Lippestad in örtlichen Medien.

Taten waren jahrelang geplant

Mutmaßlicher Täter des Doppelanschlags in Norwegen
Der mutmaßliche Täter stellte wenige Tage vor den Anschlägen eigene Fotos ins Internet.

Nach den Ermittlungen handelte der Mann wahrscheinlich als Einzeltäter. Mehrere Jahre lang soll er seine Taten geplant haben. Das geht aus einem mehr als 1500 Seiten langen Pamphlet hervor, das dem bekennenden Fundamentalchristen und Islamhasser zugeschrieben wird und im Internet kursiert. Das Dokument wurde teilweise als Tagebuch geführt, beansprucht wissenschaftlichen Charakter und offenbart die Fremdenfeindlichkeit und die bedingungslose „Multikulti“-Ablehnung des Autors.

1500 Seiten als Teil einer gezielten Selbstdarstellung

Das englischsprachige Pamphlet ist unter einem Pseudonym verfasst. Es gibt mindestens zwei Versionen des Papiers, die sich in Seitenzahl, Speicherumfang und Speicherzeitpunkt unterscheiden. Beide tagesschau.de vorliegenden Versionen wurden den Metadaten zufolge einen Tag nach den Anschlägen zu unterschiedlichen Uhrzeiten und mit unterschiedlichen Programmen abgespeichert. Laut Medienberichten soll das Dokument aber vor den Anschlägen per E-Mail verschickt worden sein.

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Das Papier ist offenbar Teil einer gezielten Selbstdarstellung. So wird auch beschrieben, wie man auf Fotos positiv wirkt. Nur eine Woche vor den Taten hatte der mutmaßliche Täter im sozialen Netzwerk „Facebook“ eine Seite eingerichtet, die mittlerweile abgeschaltet wurde. Er lud auch einige Fotos ins Internet, die nun weltweit in den Medien verwendet werden.

Original, Google Cache, archive.org

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