Das Phantom der Oper an Merkels Seite

Der Mann an Merkels Seite macht sich rar: Im normalen Politikbetrieb überlässt Joachim Sauer seiner Frau die Bühne. Zu den wenigen Terminen, bei denen Sauer die Bundeskanzlerin begleitet, gehören die Wagner-Festspiele in Bayreuth. Heute ist es wieder so weit.

Von Birgit Wentzien, SWR, ARD Berlin


2005 machte eher der Fleck unterm Arm Schlagzeilen als der Mann an ihrer Seite.

Kann man einen Menschen beschreiben, ohne jemals mit ihm gesprochen zu haben? Bei Joachim Sauer bleibt einem gar nichts anderes übrig. Sauer will nicht der Gatte der Kanzlerin sein. Er ist der Mann von Angela Merkel. Und alle, die versuchen, sich diesem bekannten Unbekannten zu nähern, erhalten als einzige Atwort eine eindeutige, und das auch noch schriftlich: „Meine Person steht in keinem Verhältnis zu der politischen Arbeit von Angela Merkel. Deshalb bin ich für die Öffentlichkeit auch nicht interessant!“ Die Frau an der Seite dieses Mannes sieht das anders. Selten, aber bestimmt beantwortet Merkel Fragen nach ihm. Ihr Mann habe eine wunderbare Eigenschaft: „Er hilft mir, manchmal über etwas Anderes nachzudenken als über die Politik.“

„Phantom der Oper“ wird Sauer genannt. Immer an ihrer Seite zu sehen, wenn’s zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth geht. Sauer liebt wie Merkel die Oper, nicht aber den öffentlichen Auftritt. Und ein wenig kann man das dann an seinen Gesichtszügen ablesen: Sauer lächelt, aber mindestens angestrengt. Selten sind die gemeinsamen Auftritte im übrigen Jahr, meist bei besonderen Ereignissen oder Reisen.

Nie ohne sein Laptop

Crawford Texas
Merkel und Sauer besuchen die Bushs im November 2007.

Beim G8-Gipfel in Heiligendamm an der Ostsee ist Sauer zu sehen, umringt von den mit angereisten First Ladys. Sauer an der Seite Merkels in Polen, an ihrer Seite in Texas auf der privaten Ranch von George Bush und als Gastgeber des Damenprogramms beim NATO-Gipfel in Baden-Baden und Straßburg. Sein Laptop hat er auch auf diesen Reisen immer dabei. Dafür gibt es Augenzeugen. Sauer demonstriert in diesen wenigen öffentlichen Momenten seine Maxime: Ich bin nicht der Gatte der Kanzlerin, ich bin der Mann von Merkel. Und die wiederum beschreibt ihn so: „Mein Mann ist Wissenschaftler und möchte gern auch Wissenschaftler bleiben.“

Sauer ist Quantenchemiker. Einer der besten im Land – sagen diejenigen, die sich in seinem Fach auskennen. Ausgezeichnet mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen. Im Herbst letzten Jahres hat sich Sauer erstmals in einem Interview mit einer Uni-Zeitschrift zu seinem Wissenschaftler-Leben geäußert. Bemerkenswert offen, für seine Verhältnisse geradezu ausführlich lang und bemerkenswert politisch.

Die Kunst der Anpassung

Angela Merkel
Angela Merkel und Joachim Sauer: seit 1998 verheiratet

Sauer spricht über die Lebensumstände in der DDR, über die notwendigen Kompromisse, das Sich-Anpassen-Müssen. Die Kunst sei gewesen, morgens noch in den Spiegel schauen zu können, aber nicht von der Oberschule verwiesen zu werden, den Studienplatz oder wissenschaftliche Arbeitsmöglichkeiten zu verlieren. Ihm sei immer klar gewesen: Dieses System wird untergehen. Er habe aber nicht geglaubt, dass das noch zu seinen Lebzeiten passieren werde. Für ihn, sagt Sauer, habe sich alles glücklich gefügt, und er habe nach dem Fall der Mauer seine Energie in den Aufbau von Neuem investieren können. Sauer beansprucht ein eigenes Leben, sein eigenes Leben. Er macht seinen Job, und die Kanzlerin macht ihren.

Kann man einen Menschen beschreiben, ohne jemals mit ihm gesprochen zu haben? Es gibt meines Wissens nur ein einziges öffentliches Statement des Merkel-Manns, festgehalten von Kamera und Mikrofon. Der ARD-Fernseh-Kollege Christian Thiels hatte Sauer gefragt, ob er eigentlich stolz sei auf seine Frau. Und Sauer fragt zurück: „Stolz auf die Frau? Ja, kann man schon sein. Auf ihre beruflichen Erfolge.“ Die Kanzlerin selbst nahm diese Antwort mit Erstaunen zur Kenntnis und bescheinigte dem Reporter, er habe Glück gehabt.

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