Geballte literarische Grausamkeiten

Ein Romanbeginn ohne Roman, ein literarischer Wettbewerb ohne Literatur, und am Ende gewinnt die größte Grausamkeit – das ist der Bulwer-Lytton Fiction Contest. Jeder Teilnehmer schreibt einen Satz, ganz ohne Roman, der aber der Einstieg zu einem sein soll, zu einem grauenvollen. Dabei soll nicht der Satz selbst die literarische Grausamkeit sein, sondern der Roman, den man sich dahinter vorstellt – den es aber gar nicht gibt.

Klingt kompliziert – ebenso wie der Gewinnersatz: „Spatzenhafte Gedanken, die von einem turbinenähnlichen Bewusstsein in blutige Fetzen gerissen und auf den wachsenden Haufen vergessener Erinnerungen geworfen werden.“ Welchen Roman die Erstplatzierte, die Professorin Sue Fondrie aus Oshkosh im US-Bundesstaat Wisconsin, dabei im Kopf hatte – man weiß es nicht. Mit nur 26 Wörtern ist dies der kürzeste aller Gewinnersätze in 29 Jahren. Dies zeige, so die Jury, dass man „weder weitschweifig noch wortreich schreiben müsse, um schlechtes Schreiben zu beweisen“.

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Der Zweitplatzierte hat dafür deutlich mehr Platz gebraucht – Rodney Reed aus Ooltewah: „Als ich inmitten der geplünderten Ruine stand, die einst mein Zuhause war, das Nachspiel aller Gräuel und Grausamkeiten begutachtend, die an meiner Familie verübt wurden und an allem, was mir teuer war, da schwor ich mir dass, wo auch immer ich hingehen müsse, was auch immer ich tun oder ertragen müsse, ich würde den Mann finden, der dies getan hat…. und wenn ich ihn fände, wenn ich ihn fände, oh, es würde Klartext gesprochen.“

Schwangerschaftsstreifen und fette schwarze Würste

In insgesamt acht Kategorien wird der Preis verliehen, stark vertreten sind überraschende Vergleiche, zum Beispiel die Hand, die „wie ein über einen von einer leichten Frühlingsbrise gekräuselten Fluss in Wyoming gleitender Vogel“ über Schwangerschaftsstreifen streicht – oder Mokkasins, die wie „fette schwarze Würste“ von uralten Eichen hängen.

Benannt ist der Wettbewerb übrigens nach dem Autor eines berühmten ersten Satzes, dem sogar tatsächlich ein ganzer Roman folgte: Baron Edward George Bulwer-Lytton verfasste im Jahr 1830 die Erzählung „Paul Clifford“. Deren Anfangssatz wurde deutlich später erst berühmt – als erster Satz eines anderen, nun ja: Autoren. „It was a dark and stormy night“, „Es war eine dunkle und stürmische Nacht“ – mit diesem Satz beginnt der Peanuts-Hund Snoopy jeden einzelnen seiner Romane. Über deren literarische Qualität kann man ebenso spekulieren, wie über die Frage, weshalb es diesen Wettbewerb überhaupt gibt.

Original, Google Cache, archive.org

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