Zweifel an Kontrolle durch den alten Chef

Der geplante Wechsel von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann an die Spitze des Aufsichtsrats ist in mehreren Parteien auf Kritik gestoßen. Grundsätzlich schreibt das Aktiengesetz vor, dass ein Manager nach dem Ausscheiden aus dem Vorstand zwei Jahre warten muss, ehe er in den Aufsichtsrat berufen werden darf. Eine Ausnahme ist nur dann möglich, wenn 25 Prozent der stimmberechtigten Aktionäre dies unterstützen.

Diese Regelung ist auch im Corporate Governance Kodex festgeschrieben. Demnach soll der sofortige Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat „eine der Hauptversammlung zu begründende Ausnahme sein“. Die Deutsche Bank verfolgt mit der angestrebten Personalentscheidung das Ziel, dass „das Wissen, die Erfahrungen und die Verbindungen von Herrn Dr. Ackermann auch in Zukunft für die Bank erhalten bleiben“. Alles Erforderliche werde getan, um die rechtlichen Voraussetzungen für Ackermanns Berufung in den Aufsichtsrat 2012 sicherzustellen.

Gefahr von Interessenkollisionen

Linkspartei-Vizechefin Sahra Wagenknecht
Für Linkspartei-Vizechefin Wagenknecht wäre ein Wechsel Ackermanns in den Aufsichtsrat eine Farce.

Eine direkte Wahl Ackermanns an die Spitze des Kontrollgremiums „birgt die Gefahr von Interessenkollisionen, untergräbt die Kontrollfunktion des Aufsichtsrats und widerspricht den Regeln guter Unternehmensführung“, erklärte die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Kerstin Andreae. „Die ‚Abkühlphase‘ beim Wechsel in den Aufsichtsrat muss auch für den Deutsche Bank-Vorstandschef gelten.“ Ähnlich fiel die Kritik der Partei Die Linke aus. Die stellvertretende Parteichefin Sahra Wagenknecht sagte: „Ein Aufsichtsrat soll die Unternehmensführung kontrollieren. Im Fall der Deutschen Bank bedeutet dies wohl eher, dass das Unternehmen in Zukunft vom Aufsichtsrat geführt wird.“ Von echter Kontrolle könne keine Rede sein, wenn der Bankchef von einem Tag zum anderen Vorsitzender des Aufsichtsrats werde.

Auch in der Union erhoben sich Stimmen gegen die geplante Personalie bei der Deutschen Bank. „Einen Wechsel vom Vorstandsvorsitz direkt in den Aufsichtsratsvorsitz halte ich für problematisch“, sagte der Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Wolfgang Bosbach, der Online-Ausgabe der „Financial Times Deutschland“. „Es kann immer auch der Eindruck entstehen, als wolle man in Wahrheit das Unternehmen weiterhin operativ führen oder seinen Nachfolger dominieren“, kritisierte Bosbach. Der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Joachim Pfeiffer, warf der Deutschen Bank und Ackermann vor, sich nicht an den Corporate Governance Kodex zu halten. „Corporate Governance nach Gutsherrenart ist weder vorbildlich noch akzeptabel“, sagte er der Online-Ausgabe des „Handelsblatts“.

Arbeitnehmer sehen Personalie positiv

Dagegen begrüßte der Vizechef der Gewerkschaft ver.di, Gerd Herzberg, die Pläne. Als Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Bank erwartet er, dass nun wieder Ruhe im Konzern einkehren werde. „Nach der weiteren personellen Weichenstellung der Anteilseigner für den Aufsichtsrat muss sich die Deutsche Bank nun auf die Belange der Kunden und Mitarbeiter konzentrieren“, sagte er. Besonders die Arbeitnehmervertreter hatten sich für einen direkten Wechsel Ackermanns in den Aufsichtsrat eingesetzt. Aus ihrer Sicht besteht die Gefahr, dass das riskante Investmentbanking unter dem neuen Vorstandschef Anshu Jain noch stärker in den Mittelpunkt rücken könnte. Ackermann als Chef des Kontrollgremiums wird als Garant dafür gesehen, dass die Balance im Zusammenspiel mit dem Privatkundengeschäft erhalten bleibt.

Klar ist bereits, dass die Personalpläne Ackermann eine starke Rolle in der Deutschen Bank sichern sollen. Nicht nur die geplante Doppelspitze mit Jain und Jürgen Fitschen wird demnach die Entwicklung des Dax-Konzerns lenken. Durch einen Wechsel Ackermanns an die Spitze des Aufsichtsrats könnte künftig de facto ein Trio die Bank führen. Zumindest dürfte es bei dieser Konstellation Jain schwer fallen, seine Vorstellungen durchzusetzen und eigene Akzente zu setzen.

Ackermann selbst steuert in seinem letzten Jahr als Vorstandschef ein Rekordergebnis für die Deutsche Bank an. Bei der Vorlage der Zahlen für das zweite Quartal bekräftigte er das Ziel, 2011 zum ersten Mal im operativen Geschäft zehn Milliarden Euro vor Steuern zu verdienen. Mit 5,5 Milliarden Euro hat der Konzern nach sechs Monaten schon mehr als die Hälfte davon erreicht.

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