Psychische Leiden neue Volkskrankheit

Wegen psychischer Leiden wie Depressionen oder Burnout werden einer Studie zufolge immer mehr Menschen in Deutschland stationär behandelt. Im vergangenen Jahr waren es 8,5 von 1000 Versicherten, mehr als doppelt so viel wie noch vor 20 Jahren. Die Studie der Barmer GEK zeige, dass es sich bereits um eine Volkskrankheit handele, so Vizechef Schlenker.

Von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Lange Jahre kamen vor allen Dingen Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in die Klinik. Doch seit einiger Zeit beobachten die Experten einen neuen Trend: Immer mehr Menschen mit psychischen Störungen kommen ins Krankenhaus. Wegen keiner anderen Diagnose lagen die Patienten so lange in der Klinik: „Nicht erst seit gestern lässt sich eigentlich klar sagen, dass psychische Erkrankungen die neue, aber auch versteckte Volkskrankheit bei uns sind“, sagt Rolf-Ulrich Schlenker, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der größten deutschen Krankenkasse Barmer GEK.

Symbolfoto: Bournout-Patientin am Computer
Stärkere Belastungen in Familie und Beruf führen offenbar zu mehr psychischen Erkrankungen.

Allein sein Unternehmen hat im vergangenen Jahr 672 Millionen Euro für die Versorgung psychisch Kranker in der Klinik ausgegeben. Alle Kassen zusammen rund 5,5 Milliarden Euro. Die Kassen müssten umdenken, sagt Schlenker: Bisher kümmere man sich mehr um den körperlichen Bereich, auch bei den Disease-Management-Programmen. „Wir werden überlegen müssen, ob wir den Bereich der psychischen Erkrankungen nicht als neue Form der Volkskrankheit identifizieren müssen“, so Schlenker.

Drastischer Anstieg der psychischen Erkrankungen

Also: Nicht nur Krebsvorsorge und Kreislauftraining, auch psychischen Erkrankungen muss stärker vorgebeugt werden. Warum die Zahlen so drastisch gestiegen sind, ist nicht einfach zu beantworten. Stärkere Belastungen in Familie und Beruf, aber auch eine gesunkene Hemmschwelle, sich Depressionen oder eine andere psychische Störung einzugestehen, spielten eine Rolle, so Schlenker.

„Unser Ziel ist nach wie vor, dass auch – wie im Bereich der somatischen Erkrankungen – bei den psychischen Erkrankungen die Behandlung vorrangig im ambulanten Sektor stattfindet.“ Das hat vor allen Dingen Kostengründe. Die Sitzung beim Psychotherapeuten ist für die Kassen viel billiger als ein Krankenhausaufenthalt, der bei psychischen Erkrankungen im Schnitt 31 Tage dauert. Und häufig ist es damit noch nicht zu Ende: Innerhalb von zwei Jahren werden 30 Prozent der Patienten mit der gleichen Diagnose wieder ins Krankenhaus eingewiesen.

Vernetzung von stationären und ambulanten Sektoren

Chefarzt Prof. Dr. med. Mundle spricht mit einer Patientin, die an einer Burn-Out Erkrankung leidet.
Schlenker befürwortet mehr Psychotherapien – allerdings von kürzerer Dauer.

„Eine weitere Erkenntnis aus diesem Report ist, dass wir unbedingt die Vernetzung zwischen den Sektoren Stationär und Ambulant verbessern müssen“, sagt Schlenker. Viele Patienten werden nach der Entlassung aus der Klinik nicht richtig weiterbehandelt. So ist die Wartezeit auf einen Platz beim Psychotherapeuten oft sehr lang: „Das kann natürlich auch dazu führen, dass es eine höhere Einweisungsquote ins Krankenhaus gibt, wenn man einen Therapieplatz erst nach sechs Monaten bekommt.“ Das sei mit Sicherheit auch eine Art von Unterversorgung.

Schlenker setzt dabei allerdings nicht auf flächendeckend mehr Therapeuten – was die Kassen wieder mehr Geld kosten würde – sondern auf eine andere Gewichtung der Therapieformen: „Indem man verstärkt Psychotherapien kürzerer Art fördert. Das müssen nicht immer 80 Stunden sein. Es reichen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen oft auch 45 Stunden. Auch mit Gruppentherapien lassen sich große Erfolge erreichen.“

Mehr Patienten im Krankenhaus – dafür kürzer

Ene weitere Erkenntnis des Barmer-GEK-Krankenhausreports: Insgesamt waren die Patienten weniger lang im Krankenhaus als noch vor einigen Jahren. Allerdings sind die Fallzahlen gestiegen. Also immer mehr Menschen sind überhaupt in Krankenhaus gekommen. „Nun frage ich mich natürlich, woher das kommt“, sagt Schlenker. „Denn wir haben im ambulanten Bereich ja auch extrem erweiterte Behandlungsmöglichkeiten.“ Um diese Kosten-Frage für die Kassen auch zu beantworten, will Schlenker jetzt eine Studie in Auftrag geben.

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