Wie vor einem Jahr, doch keiner schaut mehr hin

Es ist gerade mal ein Jahr her, da hagelte es in ganz Europa negative Schlagzeilen für Frankreichs Umgang mit den Roma. Illegale Camps, massenweise Abschiebungen – daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil: Die Situation ist schlimmer – und von der Öffentlichkeit unbeachtet.

Von Evi Seibert, ARD-Hörfunkstudio Paris

Nicolas Sarkozy brachte halb Europa gegen sich auf, als er vor genau einem Jahr entschied, massenhaft Roma ausweisen zu lassen und die illegalen Lager in Frankreich aufzulösen. Jeden Tag gab es neue Schlagzeilen, die EU und die UNO schalteten sich ein, um Verstöße gegen die Menschenrechte zu prüfen. Ein Jahr später kommt die Ärzteorganisation „Medicins du Monde“ zu dem Schluss: Es hat sich nichts verändert.

Bulldozer reißen Roma-Siedlung ab
Vor einem Jahr ließ Frankreich mit Bulldozern illegale Camps einreißen – heute stehen längst wieder neue.

Nach wie vor leben genauso viele Roma in Frankreich, wobei sich ihre Lage noch verschlechtert hat: „Die Familien, Mütter und kleine Kinder kämpfen hier wirklich jeden Tag ums schiere Überleben“, sagt Sandrine Lebaume von „Medecins du Monde“. „Ständig werden sie vertrieben. Sie sind Opfer einer rassistischen Politik, die eines Staates wie Frankreich unwürdig ist.“

Leben auf Parkplätzen oder unter Autobahnbrücken

Das Dilemma ist dasselbe wie vor einem Jahr. Die etwa 15.000 Roma, die sich illegal im Land aufhalten, leben unter erbärmliche Umständen auf Parkplätzen, unter Autobahnbrücken oder am Stadtrand. „Man könnte ihnen zumindest ein Minimum zugestehen, Toiletten oder Mülltonnen“, sagt ein anderer Arzt von „Medicins du Monde“. Die Organisation hat festgestellt, dass der Gesundheitszustand und die Lebenserwartung dieser Roma weit unter dem Durchschnitt liegt.

Immer wieder rückt die Polizei an, um sie zu vertreiben. „Hier gibt es doch Platz für uns“, sagen viele Roma, „wir würden ja sogar Miete zahlen.“ Und sie fragen sich: „Warum dürfen wir nicht hier bleiben?“

Der Staat sieht sich im Recht. Wer länger als drei Monate illegal in Frankreich ist, wird zurückgeschickt – meist nach Rumänien und Bulgarien. Von dort kommen die Menschen dann einige Wochen später wieder zurück. Als Außenseiter in Frankreich geht es ihnen immer noch besser als zuhause, wo sie überhaupt keine Hoffnung haben, sagen sie.

„Alles hohle Worte“

Aus Frankreich abgeschobene Roma bei ihrer Ankunft in Bukarest
Frankreich schiebt nach Rumänien und Bulgarien ab – einige Wochen später kommen die Menschen zurück. Hier Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Bukarest vor einem Jahr.

Eigentlich hatte die Regierung Sarkozy das Problem bilateral lösen wollen, zusammen mit den betroffenen Heimatländern. Wenn die Menschen dort eine Zukunft für sich sähen, würden sie nicht ständig nach Frankreich kommen, so die Strategie, die auch finanziell unterstützt werden sollte. Daraus ist, so eine Roma-Organisation, nichts geworden.

„Das waren alles hohle Worte“, sagt ihr Sprecher Laurent el Ghozi. „Die Situation hat sich im Gegenteil verschlimmert. Die Leute werden alle zwei bis drei Wochen vertrieben, dürfen nicht arbeiten, sich nichts aufbauen, die Kinder können keine Schulen besuchen.“

Die humanitären Organisationen setzen genau da an. Sie fordern, den Roma ein Arbeitsrecht in Frankreich zu gewähren, damit sie sich selbst aus ihrer Misere befreien können.

Original, Google Cache, archive.org

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