Bilder aus dem Innenleben einer verstörten Partei

Ist die SPD auf der Höhe der Zeit? Eine ARD-Dokumenation – die heute Abend im Ersten ausgestrahlt wird – geht dieser Frage nach. Filmautor Lutz Hachmeister müht sich, die SPD nicht als schrullige Zombie-Truppe erscheinen zu lassen.

Von Claus Heinrich, SWR, ARD-Hauptstadtstudio

Natürlich sind die Szenen zum Wegschmeißen komisch: Eine tapfere ältere Dame singt mehr Text- als Melodie-sicher Musicalhits. Rüstige Aktivistinnen des Sozialverbandes irgendwo in der niedersächsischen Provinz werkeln verzweifelt an rückkoppelnden Mikrofonanlagen herum. Oder vollbärtige Mitfuffziger mit stolzen Gewerkschaftsbäuchen machen beim traditionellen Kartoffelessen der SPD Goslar sehr gewöhnungsbedürftige Witze. Das alles muss SPD-Chef Sigmar Gabriel ertragen – Tag für Tag.

Gabriel und die „Latte-Macchiato-Fraktion“

Und dennoch richtet sich die Wut des Vorsitzenden der ältesten Partei Deutschlands nicht gegen diejenigen, die ihm dieses und ähnliches regelmäßig antun. Sondern gegen jene, die sich über diese vermeintlich kleinen Leute, die Schrebergärtner und Kartoffelsalatesser der Republik, königlich amüsieren.“Latte Macchiato-Fraktion“ nennt Gabriel die Berlin-Mitte-Clique verächtlich. Und die bildet wohl den Großteil des Testpublikums für Lutz Hachmeister Film „Sozialdemokraten – 18 Monate unter Genossen“.

Lutz Hachmeister
ARD-Filmautor Hachmeister ist auch Medienwissenschaftler, Buchautor und Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik.

Gabriel schimpft also über diese blasiert-arroganten Anzugträger aus dem politisch-journalistischen Komplex, die andere Milieus und Lifestyles nur noch amüsiert zur Kenntnis nehmen. Die entweder CDU oder FDP oder Grüne oder auch mal Linke wählen. Aber ganz bestimmt nicht in großer Zahl die Partei, die noch in den 70-er Jahren selbstverständlich Trägerin des gesellschaftlichen Fortschritts war. Die SPD und junge, gebildete Leute – das war einmal. Ein paar hat auch Hachmeister für seinen mit 90 Minuten deutlich zu langen Dokumentarfilm noch gefunden. Zum Beispiel auf dem Parteitag nach der Schockniederlage bei der Bundestagswahl 2009.

Da ist auch ein trotzig-stolzes „Jetzt-erst-recht-Gefühl“ zu spüren. Fast so etwas wie Aufbruch-Stimmung nach der großartigen Rede des neuen Vorsitzenden für eine eigentlich am Boden zerstörte Partei. Zweifellos der emotionale Höhepunkt des Films, in dem Hachmeister unkommentiert Szenen von diesem historischen Dresdener Parteitag, von öden Gremiensitzungen, zotigen Spargelfahrten und wechselwarmen Wahlabenden montiert hat.

Das Verdienst des Autors: Die SPD erscheint nicht als Zombie-Truppe

Leider etwas unsystematisch werden die wichtigsten Stationen im Innenleben der verstörten Partei in den letzten eineinhalb Jahren abgeklappert. Garniert mit Interviewstatements von Schröder, Nahles, Steinbrück, Steinmeier, Ypsilanti, Clement und immer wieder Gabriel. Nur Thilo Sarrazin fehlte unentschuldigt.


Der SPD-Altvordere Hans-Jochen Vogel hört beim Parteitag 2010 andächtig dem Präsidentschaftskandidaten Joachim Gauck zu (Filmszene).

Hachmeisters Verdienst: Er bemüht sich anders als die meisten selbsternannten Qualitätsjournalisten in der Hauptstadt darum, die SPD nicht als schrullige Zombie-Truppe von Vorgestern vorzuführen, sondern überlässt bei aller Subjektivität dem Zuschauer das Urteil. Hachmeisters Kamera guckt in die Seele der Partei, streift zumindest die wichtigen inhaltlichen und strategischen Debatten. Viel mehr kann ein solches Filmformat wohl nicht liefern.

Und ist dennoch mehr als das, was die meisten Hauptstadtjournalisten ihren Lesern, Hörern und Zuschauern bieten. Über die SPD wird meist nur berichtet, wenn es Knatsch zwischen den legendären Flügeln gibt. Oder wenn Klatsch zu berichten ist: Nierenspenden, Schwangerschaften oder die ewige Kanzlerkandidaten-Frage.

Wenn brave Sozialdemokraten längst schlafen…

Das liegt zum einen an der fortschreitenden Selbstboulevardisierung fast aller Medien. Und zum anderen sicherlich auch daran, dass viele Journalisten eben jenem Latte Macchiato-Milieu zuzuordnen sind. Denn sie haben sich vom klassisch sozialdemokratischen Milieu kulturell und politisch längst abgewandt. Wer etwas mehr als nur Klischees über die SPD 2011 erfahren will, muss heute bis Mitternacht wach bleiben. Der Film wird nämlich erst nach den Tagesthemen ausgestrahlt: Wenn brave Sozialdemokraten längst schlafen…

Sozialdemokraten: „18 Monate unter Genossen“ – Dokumentarfilm im Ersten, heute 22:45 – 00:15 Uhr

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