Wirres Pamphlet ging an 1003 E-Mail-Adressen

77 Minuten vor seinem Doppelanschlag in Norwegen hat der geständige Täter ein 1500 Seiten starkes Pamphlet an 1003 E-Mail-Adressen verschickt. Um 14:09 Uhr habe der 32-Jährige die E-Mails abgeschickt, berichtet die britische Zeitung „The Guardian“. Er habe sich an „westliche Patrioten“ gewandt und die Empfänger gebeten, „dieses Geschenk“ weiterzuleiten.

Das 1518-Seiten-Pamphlet wurde von dem 32-Jährigen teilweise als Tagebuch geführt, beansprucht wissenschaftlichen Charakter und offenbart die Islamfeindlichkeit des Autors und seine bedingungslose Ablehnung einer multikulturellen Gesellschaft. Der englischsprachige Text ist unter einem Pseudonym verfasst.

Etwa ein Viertel der Adressaten seien in Großbritannien gewesen“, sagte der Zeitung der Belgier Tanguy Veys, der selber zu den Empfängern zählte und für die rechtspopulistische Partei „Vlaams Belang“ im Parlament sitzt. Auch Personen aus Italien, Frankreich und Deutschland hätten die E-Mail erhalten.

Empfänger auch in Deutschland

Anschlag in Oslo
Um 15:26 Uhr explodierte am Freitag im Osloer Regierungsviertel die Bombe.

Empfänger des Textes seien unter anderem Neonazis in Dortmund gewesen, berichtete der dortige „Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus“. Wie die Zeitungen der „WAZ“-Mediengruppe unter Berufung auf Sicherheitskreise meldeten, ging der Text auch an die Bewegung „Pro Köln“, die wegen Extremismusverdachts vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Ein dritter Empfänger in Nordrhein-Westfalen sei die NPD in Unna, berichtet die „WAZ“. Der Chef des nordrhein-westfälischen LKA, Wolfgang Gatzke, sagte weiter, die Polizei beobachte nach den Terroranschlägen verschärft die rechte Szene in Deutschland. Die Reaktionen in den einschlägigen Internetforen seien aber verhalten.

Lob für Attentäter von Front-National-Mann

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In Frankreich dagegen wurde der Attentäter von Oslo und Utöya von einem Vertreter der Rechtspartei Front National in seinem Blog als Ikone und Visonär bezeichnet, weil er gegen die „Islamisierung Europas“ kämpfe. Die Bewegung gegen Rassismus und für Völkerfreundschaft (MRAP) kündigte daraufhin an, sie werde den Regionalpolitiker Jacques Coutela in den kommenden Tagen wegen „Anstachelung zum Rassenhass“ anzeigen. Später ergänzte Coutela, er heiße Terrorismus nicht gut, gleich welches Gedankengut ihm zugrundeliege, „auch wenn er von meinen Vorstellungen herrührt“.

Polizei kannte früh den Namen des Bombenlegers

Unterdessen berichtet die norwegische Zeitung „Aftenposten“, dass die Polizei nicht einmal drei Stunden nach dem Anschlag in Oslo wusste, dass Anders Behring Breivik das Auto gemietet hatte, in dem die Bombe platziert war. Anhand von Überwachungskameras hätten die Behörden das vor dem Regierungsgebäude abgestellte Leihfahrzeug vor der Explosion identifiziert. Der Landeschef der Verleihfirma Avis, Andres Veit, bestätigte der Zeitung, dass der Name des Mieters umgehend der Polizei gemeldet wurde. Dabei habe sich zudem herausgestellt, dass der Bombenleger auch ein anderes Auto gemietet hatte.

Sendungsbild
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  • Trauer und Hoffnung in Norwegen
  • Länge: 0:01:25
  • Datum: 2011-07-27T16:10:00.000+02:00

Mit diesem Wagen war der 32-Jährige zur etwa 50 Straßenkilometer entfernten Insel Utöya gefahren. Dort hatte er gegen 17 Uhr als Polizist verkleidet zur Insel übergesetzt und in einem Sommerlager der sozialdemokratischen Arbeiterjugend insgesamt 68 Menschen getötet. Die Bombe in Oslo, die mindestens acht Menschen tötete, explodierte um 15.26 Uhr. Um 18:27 Uhr nahm die Polizei den Mann widerstandslos auf der Insel fest.

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Der 32-Jährige gestand sowohl den Massenmord auf Utöya als auch die Osloer Bombe gebaut und platziert zu haben. Er lehnt es jedoch ab, sich eines Verbrechens schuldig zu bekennen. Sein Anwalt, Geir Lippestad, hält ihn für geisteskrank. Die Chefin der norwegischen Sicherheitspolizei PST, Janne Kristiansen, widersprach nun. Der Mann sei berechnend sowie zielgerichtet vorgegangen und habe die Tat über Jahre geplant, sagte sie der BBC. „Das ist nicht das, was ich über eine Person gelernt habe, die geisteskrank ist.“

Polizei bringt Sprengstoff zur Explosion

Auf dem Bauernhof des 32-Jährigen brachte die Polizei gestern Sprengstoff kontrolliert zur Explosion. Der Mann hatte den Hof etwa 160 Kilometer nördlich von Oslo nach eigenen Angaben gepachtet, um unauffällig mehrere Tonnen Kunstdünger kaufen zu können. Dünger war einer der Bestandteile, die bei der Bombenexplosion in der Hauptstadt am Freitag verwendet wurden.

Original, Google Cache, archive.org

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