Nervöse Stimmung, aber starker Zusammenhalt

Am Tag fünf nach den Anschlägen in Norwegen herrscht eine nervöse Stimmung im Land. Die Polizei reagiert massiv auf jeden noch so kleinen Hinweis auf mögliche Folgetaten. Ministerpräsident Stoltenberg kündigte an, dass die Antwort auf die Anschläge ein Mehr an Demokratie sei.

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Stockholm

Der Hauptbahnhof musste am Vormittag noch einmal evakuiert werden. Ein unbekannter Mann hatte einen Koffer abgestellt und war dann verschwunden. Inzwischen gibt es die Entwarnung. Das Gepäckstück war harmlos, das Ganze offenbar nur ein Missverständnis.

Es gelingt noch nicht, zum Alltag zurückzukehren

Und doch sagt es viel über das Leben in der norwegischen Hauptstadt. Die Menschen versuchen irgendwie, zum Alltag zurückzukehren. Aber es will einfach nicht gelingen.

Noch so ein Beispiel: Ein psychisch labiler polizeibekannter Mann wird gesucht. Die Polizei gab heute sogar ein Fahndungsfoto heraus. Am Montag hatte er auf einer Wache randaliert und dabei gesagt, dass er den Attentäter Anders Behring Breivik bewundern würde.

Weltweit ging die Eilmeldung heraus, dass dieser Mann gefährlich sei. Inzwischen gab es einen Rückzieher. Es war ein Irrtum, der Mann ist zwar krank, eine Gefahr für andere Leute bestehe aber nicht.

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Nachbarn vor der Sprengung nicht benachrichtigt

Beispiel drei, gestern auf dem Land: Die Polizei sprengt auf dem Bauernhof, in dem Breivik gelebt hat, die Reste seiner Bomben-Munition. Dumm war nur, dass  man vergessen hatte, den Nachbarn Bescheid zu geben. „Zunächst möchte ich mich einfach entschuldigen, dass die Bekanntmachung der Sprengung so schlecht gelaufen ist“, sagte die Polizei.

Man habe sich auf dem Hof entschieden, einige der Dinge dort zu sprengen, „weil sie zu instabil waren, um sie von dort irgendwo anders hin wegzubringen.“

Attentäter rund um die Uhr überwacht

Der Attentäter selbst wird rund um die Uhr überwacht. Die Ermittler beißen sich an ihm offenbar die Zähne aus. Immer noch sind zwei Fragen nicht geklärt: Hatte er doch irgendwelche Helfer? Und wie eng waren seine Verbindungen zu rechtsextremistischen Gruppen im Ausland?

Ein Sprecher der Osloer Kriminalpolizei erzählt, dass Breivik dazu nichts Konkretes sagt, aber stattdessen Forderungen stellt. Zum Teil seien das welche, die man unmöglich erfüllen kann. Es scheint für ihn wie ein Spiel, das das ganze Land Nerven kostet.

Sendungsbild
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  • Trauer nach den Anschlägen in Norwegen
  • Länge: 0:01:23
  • Datum: 2011-07-27T17:09:00.000+02:00

Trauer auch in den Moscheen

Auch in Oslos Moscheen wird getrauert. Der Imam hat hohen Besuch. Der Kronprinz und der Außenminister sind gekommen. Alle zusammen sprechen sie von einer Gesellschaft der Vielfalt, die man sich nicht nehmen lassen will.

Außenminister Jonas Gahr Störe sagte: „In allen Städten und Dörfern in Norwegen kommen die Menschen jetzt zusammen. Und ich empfinde das so, dass wir damit die allerwichtigste Botschaft überhaupt vermitteln – nämlich dass wir beieinander stehen.“

Eine Frau an einem Zaun mit Trauerblumen im Zentrum von Oslo.
Blumen an einem Zaun, der das Gelände des Bombenanschlags in Oslo abtrennt.

Er komme direkt aus dem Krankenhaus und habe dort die besucht, die um ihr Leben kämpfen. „Sie wissen genau, was jetzt im Land geschieht. Und das wird dazu führen, dass mehrere von ihnen es schaffen werden“, sagt er hoffnungsvoll.

Die Rede vom Zusammenstehen ist mehr als nur eine Geste – davon sind sie hier alle überzeugt. Ein Muslime – Hauptfeindbild des Attentäters – trägt sich ins Kondolenzbuch ein. „Ich habe geschrieben, dass ich stolz bin, ein Norweger zu sein“, sagt er hinterher.

Original, Google Cache, archive.org

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