Jagd nach Griechenlands verborgenen Schätzen

Wäre jeder Grieche ein ehrlicher Steuerzahler, könnte das Land seine Schulden binnen weniger Jahre abzahlen. Das glaubt zumindest der oberste Steuerfahnder des Landes. Doch sein Kampf gegen die Steuerhinterziehung ist schwierig und beginnt notgedrungen oft auf der Straße.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Griechenlands oberster Steuerfahnder Nikolaus Lekkas
Steuerfahnder Lekkas geht von bis zu 45 Milliarden Euro Steuerhinterziehung pro Jahr aus.

Graue Haare, grauer Vollbart, klassisch-griechisches Profil, schlank, etwa 1,75 Meter groß: Nikolaus Lekkas sitzt gebeugt an seinem Schreibtisch als lastete auf ihm ein großer Teil der griechischen Schulden. „Wir gehen von etwa 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, von 40 bis 45 Milliarden Euro jährlich“, sagt er. Das sei in etwa die Summe, die dem Staat jedes Jahr durch die Lappen gehe, weil Steuerhinterziehung zum Volkssport in Griechenland geworden sei.

Griechenland ist derzeit mit mehr als 340 Milliarden Euro verschuldet. Würden die Hellenen zehn oder 15 Jahre lang ehrlich ihre Steuern zahlen, könnte der Schuldenberg samt Zinsen weitgehend abgetragen werden. Aber viele seien eben nicht ehrlich, bedauert Lekkas. Er berichtet von einem Arzt, der im öffentlichen Gesundheitssystem arbeite. Dieser Mediziner habe also ein festes Gehalt und nichts anderes. „Nun gibt der beispielsweise an, er habe 400.000 Euro verdient. Wir haben aber auf seinen Konten zehn Millionen gefunden“, berichtet Lekkas.

Wem gehört dieser Porsche?

Genau hier beginnt die Arbeit der knapp 1800 Mitarbeiter des Steuerfahndungsamtes, erklärt der 60-Jährige. Sie müssen Merkwürdigkeiten erkennen, Unregelmäßigkeiten entdecken und verborgene Gelder aufspüren. „Wir sehen Autos auf der Straße: Porsche, Ferrari, Bentley und sagen, wem gehört das denn eigentlich?“, sagt Lekkas. „Dann forschen wir nach: Was läuft hier? Wir stellen gewaltige Unterschiede fest zwischen dem, was einer als Verdienst angibt, und dem, was er an Vermögen hat.“

Das Büro von Nikolaus Lekkas misst etwa 35 Quadratmeter. Ein funktionaler Schreibtisch steht darin, drei Dutzend Ordner im Regal, kein Schnickschnack. Sein wichtigstes Arbeitsgerät ist der Computer. Hier laufen die sensiblen Daten aus den 13 Einsatzbezirken zusammen. Könnte er, wie er wollte, hätten seine Leute Zugriff auf Finanzakten, Katasterämter, Konten und Aktiendepots im In- und Ausland, um die Vermögenswerte überprüfen zu können. Doch Gesetze und Datenschutz verhindern in Griechenland bislang noch den gläsernen Bürger, der brav seine Steuern zahlt.

Dossier

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Skepsis gegenüber privaten Steuerfahndern

Von den Plänen, private Steuerfahnder auf verborgene Milliarden anzusetzen, hält Lekkas offenbar nicht viel. Bis jetzt sei mit ihm, dem Chef der staatlichen Steuerfahndungsbehörde, darüber nicht gesprochen worden, sagt er knapp und ausweichend.

Lekkas hat eine Vision. Er ist überzeugt, sein Land könne sich vor dem Abgrund retten. Doch die Probleme Griechenlands, so wird er nicht müde zu betonen, könnten nur durch gewaltige gemeinsame Anstrengungen gelöst werden. Dazu gehöre, dass seine Landsleute einen Sinn für das Gemeinwohl erkennen und ihre Einstellung zum Staat überdenken müssten.

Forderung nach Investitionen

Dazu gehöre auch, dass Griechen wie auch Ausländer stärker in Hellas investierten. „Es ist wahr, dass niemand kommt, um unsere Probleme auf der Ebene der alltäglichen Steuerfahndung zu lösen“, sagte Lekkas. „Wir brauchen Investitionen, die kontrolliert und vom Steueramt erfasst hier getätigt werden.“ Wer investiere, müsse wissen, welche Steuern man zu zahlen habe und was man herausbekomme. „Diese Investitionen brauchen wir von den EU-Ländern.“

Solange diese Investitionen ausbleiben, müssen die Griechen versuchen, mit eigenen Rezepten zu punkten. Durch die Privatisierung staatlicher Unternehmen will das Land rund 50 Milliarden Euro einnehmen. Durch mehr Steuern will Griechenland Schulden abbauen. Wie bewertet Lekkas die Steuerehrlichkeit seiner Landsleute? Gegenwärtig liege sie auf einer Skala von eins bis zehn zwischen vier und fünf. In zwei bis drei Jahren könne sie auf acht angehoben werden, glaubt er. Sein Blick wandert bei diesen Worten nach oben, als erhoffe er sich höheren Beistand.

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