Twitter ist gesperrt, Millionen nutzen Weibo

Seit China den Zugang zu Twitter gesperrt hat, gibt es Weibo. Der chinesische Klon sieht genauso aus wie sein amerikanisches Vorbild, aber auf Weibo kann die Regierung Einfluss nehmen, inhaltlich zensieren und manipulieren. Trotzdem: Mehr als 160 Millionen nutzen den Dienst bereits.

Von Frank Hollmann, ARD-Hörfunkstudio Peking

Samstag 23. Juli: Nahe der südostchinesischen Küstenstadt Wenzhou prallen zwei Hochgeschwindigkeitszüge aufeinander, mehr als 30 Menschen sterben, hunderte werden verletzt. In den Krankenhäusern werden die Blutkonserven knapp. „Ich habe davon auf Weibo erfahren und sofort die Nachricht an alle meine Bekannten weitergeleitet“, sagt ein junger Mann im Krankenhaus. „Jetzt bin ich selbst hier zum Blutspenden.“

Der chinesische Internetdienst Weibo (Screenshot)
Den wenigsten Kunden fällt die Ähnlichkeit zu Twitter auf – sie haben schließlich keinen Zugang.

Im Westen wäre eine solche Nachricht wohl getwittert worden, doch Twitter ist in der Volksrepublik schon lange verboten, die Seite geblockt. Die Lücke füllt Weibo, sagt Professor Chiang Jeongwen von der China Europe International Business School in Schanghai. „Das Design von Weibo ist eine Kopie von Twitter. Den chinesischen Kunden fällt das nicht auf, die meisten haben ja gar keinen Zugang zu Facebook und Twitter.“

Es gebe aber einen Unterschied, sagt der Professor: „Sobald Du einen Account anmeldest, wird er manipuliert. Auch wenn Du das nicht willst, wirst Du sofort zum Fan anderer Accounts gemacht, Du wirst beispielsweise ein Anhänger bestimmter kommerzieller Accounts oder musst die Seite eine bestimmten Stars regelmäßig besuchen.“

Ein Vehikel, seine Meinung auszudrücken

Dennoch, Weibo ist erfolgreich mit nach eigenen Angaben mehr als 160 Millionen Accounts. Angeblich kommen jeden Monat zehn Millionen hinzu. „Weibo ist ein Muß, so viele Leute nutzen es“, sagt eine junge Frau. „Viele halten so Kontakt mit Freunden, ich aber nutze es fast nur als Entertainment.“ Und ein anderer Nutzer erzählt: „Ich bin jeden Tag online, jeden Tag poste ich etwas. Weibo hat ein neues Fenster für die Kommunikation geöffnet, dadurch kann man einander besser verstehen und man lernt auch andere Menschen kennen, die in derselben Branche arbeiten.“

Wie viele Menschen Weibo tatsächlich erreiche, sei unklar, meint Professor Chiang. Bislang gebe es keine ernst zu nehmende Studie: „Es ist sehr populär geworden, besonders unter jungen Menschen und Büroangestellten, vor allem in den Städten, dort ist die Internetdichte viel größer als auf dem Land“, erzählt Chiang. „Es ist ein Vehikel, seine Meinung auszudrücken und Neuigkeiten zu verbreiten. Aber natürlich ist das Internet in China überwacht. Auch Weibo muss aufpassen, dass es keine regierungsfeindlichen Nachrichten verbreitet.“

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Eine Armee von staatlichen Zensoren und bezahlten Kommentatoren durchforstet täglich das Internet. Und natürlich lesen sie sich durch die Welt von Weibo. „Sie sind die Ohren und Augen der Partei. Sie überwachen die Chatrooms, schauen, ob sich kritische Diskussionen entwickeln, vielleicht nur auf lokaler Ebene“, weiß David Bandurski, Medienexperte der Universität von Hongkong. „Ihnen geht es nicht darum, Probleme zu lösen, die vielleicht Unruhen auslösen könnten. Sie sorgen sich nur um die öffentliche Meinung, setzen positive Kommentare dagegen, versuchen, so die öffentliche Meinung zu steuern, und informieren ihre Auftraggeber.“

Big Brother liest immer mit, doch wenigstens ist es den meisten Usern in China bewusst. „Ich finde Weibo ziemlich interessant“, sagt ein junger Mann, „aber es wäre besser, wenn es erlaubt wäre, die Wahrheit zu sagen.“

Original, Google Cache, archive.org

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