Zelten aus Protest gegen hohe Mieten

In 25 israelischen Städten zelten viele Menschen mittlerweile dauerhaft und demonstrieren damit gegen Wohnungsnot, hohe Mieten und steigende Lebenshaltungskosten. Ministerpräsident Netanjahu hat zwar den Bau von zusätzlichen Wohnungen angekündigt, aber die Demonstranten wollen sich damit nicht zufrieden geben.

Von Sebastian Engelbrecht, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

„Mein Bibi hat drei Buden, drei Buden hat mein Bibi. Und hätt’ er nicht drei Buden, hätt’ ich vielleicht `ne Bude für mich“ – der Zorn der Demonstranten in Israel hat sich zum ersten Mal persönlich gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin „Bibi“ Netanjahu gerichtet.

Die Demonstranten versammelten vor dem Privathaus Netanjahus im Jerusalemer Villenviertel Rehavia und erinnerten daran, dass der Regierungschef drei Residenzen hat. Einer der Demonstranten, Schlomo Levy, protestierte gegen die unbezahlbar hohen Mieten für den einfachen Bürger. Er forderte Netanjahu auf, eines seiner Häuser zur Verfügung zu stellen: „Da habe ich mir gedacht, welche leerstehenden Wohnungen kenne ich in Jerusalem? Und die leerstehende Wohnung, die ich kenne, ist hier, die Wohnung von Netanjahu und seiner Frau Sara. Er soll sein Haus verkaufen.“

Proteste im ganzen Land

Menschen liegen vor Zelten
Mit dem Zeltlager auf dem Rothschild Boulevard protestieren Israelis in Tel Aviv gegen die hohen Mieten.

Mittlerweile protestieren die Menschen dauerhaft in 25 israelischen Städten, von Kiriat Schmona im Norden bis Dimona im Süden. An jedem dieser Orte haben sie im Zentrum eine Zeltstadt errichtet, um gegen Wohnungsnot, hohe Mieten und ständig steigende Lebenshaltungskosten zu protestieren. Die Zeltstadt auf der Prachtstraße von Tel Aviv, dem Rothschild Boulevard, erstreckt sich über fast einen Kilometer.

Auch Gewerkschaftschef Ofer Eini hat sich mit den Demonstranten solidarisiert und sich direkt an Netanjahu gerichtet. „Ich erwarte von Ihnen, alle relevanten Institutionen und vor allem mich bis zum Samstagabend aufzufordern, sich zu Diskussionen, zu Verhandlungen zusammenzufinden“, sagt er. Ansonsten, kündigte er an, würde sich die Gewerkschaft von Sonntag an dem Protest anschließen – mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stünden, und das seien viele.

Sendungsbild
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  • Zehntausende demonstrieren gegen Sozialpolitik der Regierung
  • Länge: 0:01:37
  • Datum: 2011-07-26T20:22:00.000+02:00

Eini und die Gewerkschaft wollen Netanjahu in die Knie zwingen. Finanzminister Juwal Steinitz reagierte bereits auf die indirekte Androhung eines Generalstreiks. Stellvertretend für den Ministerpräsidenten sagte Steinitz, die Regierung sei zu Verhandlungen mit der Gewerkschaft über Lebenshaltungskosten und soziale Proteste bereit.

Unterstützung von vielen Seiten

Ein Mann liegt auf einer Straße in einem Bett
Ein Bett auf der Straße – auch eine Form des Protests.

Die israelischen Kommunen stellen sich ebenfalls gegen die Regierung in Jerusalem. Der Vorsitzende der Vereinigung der Gemeinden, Schlomo Buhbut, kündigte für Montag einen Warnstreik an. Die Ämter sollen geschlossen bleiben, die Müllabfuhr will streiken. Buhbut sagte in einer Pressekonferenz an der Seite des Gewerkschaftschefs: „Ich freue mich, dass die jungen Leute auf die Straße gegangen sind. Das sind unsere Kinder, das sind unsere Anwohner, das sind Bürger“. Deswegen würden die Kommunen auch mit einem eintägigen Warnstreik am 1.August an den dem Protest teilnehmen.

Netanjahu hatte am Montag auf die Massenproteste reagiert und den Bau von zusätzlichen 60.000 Wohnungen angekündigt. Die Demonstranten wollen sich damit aber nicht zufrieden geben. Für Samstagabend planen sie Massenkundgebungen in fünf israelischen Städten.

Original, Google Cache, archive.org

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