Explosive Stimmung im gesetzlosen Gebiet

Im Norden des Kosovo herrscht nach dem Gewaltausbruch der vergangenen Nacht eine gespannte Ruhe. KFOR-Soldaten sichern den von serbischen Angreifern niedergebrannten Grenzübergang. Die scharfe politische Rhetorik zwischen Kosovo und Serbien belegt allerdings: Die Stimmung ist explosiv.

Von Ralf Borchard, ARD-Hörfunkstudio Südosteuropa

Ein Brandsatz explodiert, Glas splittert, es folgt Feuer aus automatischen Waffen – die Szenerie gestern Abend am Grenzposten Jarinje, aufgenommen vom Belgrader Sender B92. Vermummte serbische junge Männer setzten einen der beiden seit Tagen umstrittenen Grenzposten in Brand, kurz darauf rückten amerikanische KFOR-Truppen in schwer gepanzerten Fahrzeugen an. Sie gerieten vereinzelt unter Beschuss und gaben Warnschüsse aus schweren Waffen zurück. Verletzt wurde bei den Schusswechseln offenbar niemand.

Inzwischen ist der weitgehend verwüstete Grenzposten unter Kontrolle der internationalen Schutztruppe KFOR. Seit dem Morgen hat es offenbar keine weiteren Zwischenfälle gegeben.

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  • Grenzstreit Kosovo: Explosive Stimmung im gesetzlosen Gebiet
  • Länge: 0:01:37
  • Datum: 2011-07-28T20:14:00.000+02:00

Kosovo beschuldigt Serbien

Kosovos Ministerpräsident Hashim Thaci
Staatspräsident Hashim Thaci richtete schwere Vorwürfe an die Regierung in Belgrad.

Die politische Rhetorik, vor allem aus Pristina, klingt allerdings scharf. Kosovos Regierungschef Hashim Thaci: „Die Gewalt wurde von höchster politischer Stelle angeordnet, koordiniert und durchgeführt. Es waren Maskierte, die den Grenzübergang in Brand gesteckt haben. Klar ist: hinter dieser Brandstiftung steht Belgrad, die Belgrader Politik. Das ist zu bedauern, vor allem zur heutigen Zeiten, zu Zeiten der euro-atlantischen Integration.“

Damit spielt Thaci auch auf das Ziel Serbiens an, möglichst bald Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union aufzunehmen. Langfristig hofft auch Kosovo selbst auf diese europäische Perspektive.

Die serbische Regierung bestreitet vehement, die Ausschreitungen in irgendeiner Art gesteuert oder unterstützt zu haben. „Wer immer das getan hat, es handelt sich um Extremisten, die für das serbische Volk, vor allem hier im Norden Kosovos nichts Gutes getan haben“, sagt der serbische Kosovo-Minister Goran Bogdanovic, der sich selbst in der Grenzregion aufhält. „Die Menschen hier unterstützen die Bemühungen der serbischen Regierung, die Lage zu beruhigen, aber die kriminellen Gruppen und die Extremisten möchten um jeden Preis alle unsere Bemühungen zunichte machen.“

Worum geht es bei dem Grenzstreit?

Hintergrund des aktuellen Konflikts ist der Streit um die Kosovo-Zollstempel, die Serbien nicht anerkennen will. Begründung: Kosovo sei kein selbstständiger Staat, sondern nach wie vor eine serbische Provinz. Folge: Waren aus dem Kosovo können nicht nach Serbien gelangen. Die Kosovo-Regierung hat deshalb ein Importverbot für serbische Waren verhängt. Während dieses Verbot an anderen Grenzübergängen durchgesetzt wurde, lief der Handel über die beiden jetzt eingenommenen Übergänge reibungslos. Wegen des Streits ruhen auch die von der EU vermittelten Verhandlungen zwischen beiden Seiten in Brüssel.

Ein weitgehend gesetzloses Gebiet

Bisher ist der Norden des Kosovo, einschließlich der Grenzübergänge Jarinje und Brnjak, ein weitgehend gesetzloses Gebiet. Die dort lebenden Serben gehören territorial zum Kosovo, akzeptieren aber die kosovo-albanische Regierung nicht und fühlen sich eher an Serbien gebunden.

De facto dominiert eine lokale Mafia das Geschehen – mühsam in  Schach gehalten von den Soldaten der KFOR sowie den EU-Polizisten der Rechtsmission EULEX, die bislang die beiden Grenzstellen gemeinsam mit Serbien kontrolliert hatte. Ziel der kosovarischen Regierung in Pristina ist, zumindest an den Grenzübergängen im Norden die Kontrolle zu übernehmen. Die serbische Regierung will das verhindern, um wie bisher die serbische Minderheit im Kosovo zumindest ungehindert mit Waren beliefern zu können. Beobachter vor Ort rechnen nicht mit einer schnellen Beruhigung der Lage. Eine kosovarische Beobachterin vor Ort sagt: Die Stimmung ist explosiv.

Karte: Kosovo

Original, Google Cache, archive.org

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