Der Ablauf ist geklärt – das „Warum“ nicht

228 Menschen starben vor zwei Jahren beim Absturz einer Air-France-Maschine. Vieles deutet auf einen Pilotenfehler hin, so das Ergebnis eines neuen Untersuchungsberichts. Opfervertreter kritisieren den Bericht – und die Ermittler warnen: Für Schuldzuweisungen sei es noch zu früh.

Von Johannes Duchrow, WDR-Hörfunkkorrespondent Paris

Was geschah vor zwei Jahren über dem Südatlantik – mitten in der Nacht? Die französische Flugunfall-Untersuchungsbehörde BEA hat das in den letzten Wochen sekundengenau von den Flugschreibern des abgestürzten Airbus A330 erfahren. Bestätigt hat sich dabei, dass am Anfang des Unglücks die Geschwindigkeits-Messsonden der Maschine zugefroren sind. Danach mussten die Piloten handeln, denn in einem Airbus können in einem solchen Fall die Bordcomputer nicht mehr beim Fliegen unterstützen.

Alain Bouillard
Keiner der Piloten sei für eine solche Situation geschult gewesen, sagt BEA-Direktor Bouillard.

Helfer auf einem Trümmerteil der abgestürzten Air-France-Maschine (Archivbild)
Bei dem Absturz über dem Atlantik im Juni 2009 kamen 228 Menschen ums Leben, darunter 28 Deutsche.

Warum haben die Piloten so gehandelt?

Ulf Kramer ist der Leiter der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen und an den Ermittlungen beteiligt. Das BEA habe die Handlungen der Piloten dargelegt, nicht aber, „warum die Piloten so gehandelt haben“, erklärt Kramer. Dies werde Gegenstand einer Arbeitsgruppe sein. Das BEA betont immer wieder: es soll den Piloten nicht die Schuld in die Schuhe geschoben werden. Seine Untersuchungsbehörde müsse ausschließlich dafür sorgen, dass sich ein solcher Unfall nicht wiederhole, sagt BEA-Direktor Alain Bouillard. „Keiner der Piloten war geschult, um ein Flugzeug in einer solchen Höhe mit der Hand im Bereich eines Strömungsabrisses zu lenken“, so Bouillard.

Maschine wurde immer höher gelenkt

Damit ein Flugzeug oben bleibt, darf der Luftstrom um die Flügel nie abreißen. Bei diesem Unfall passierte es dennoch, weil die Maschine immer höher gelenkt und damit so langsam wurde, dass sie wie ein Stein nach unten fiel. In den nächsten Monaten wollen die Ermittler jetzt verstehen, weshalb der diensthabende Pilot das Flugzeug in den extremen Steigflug brachte. „Es ist natürlich die Frage, ob sich die Piloten im Klaren waren, in welcher Fluglage sie sich befanden, um dann entsprechend steuern zu können“, so der deutsche Chef-Ermittler Kramer.

Sendungsbild
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  • Air-France-Unglück: Pilotenfehler führt zu Absturz
  • Länge: 0:01:29
  • Datum: 2011-07-29T20:19:00.000+02:00

Im Vorstand bei Air France ist Eric Schramm für den Flugbetrieb zuständig. Er verteidige seine Piloten mit ähnlichen Argumenten: „Um eine Checkliste abzuarbeiten, muss man erst einmal wissen, was genau passiert. Und das konnten die Piloten nicht herausbekommen, weil es so viele äußere Einflüsse gab, dass sie die Analyse nicht machen konnten“, so der Air-France-Vertreter.

„Sie gehen komplett am Thema vorbei“

Barbara Crolow, Vorsitzende des Vereins HIOP
Barbara Crolow, Vorsitzende des Vereins HIOP, kritisiert die Arbeit der Ermittler scharf.

Der Verband der deutschen Angehörigen ist schockiert von den Ermittlungsergebnissen. Barbara Crolow ist stellvertretene Vorsitzende des Vereins HIOP (Hinterbliebene der Opfer des Flugzeugabsturzes AF447). „Sie gehen unseres Erachtens komplett am Thema vorbei“, sagt sie. „Wir sind der Meinung, dass es nicht menschliches, sondern technisches Versagen war.“ Denn: im Airbus schalteten sich gleich zu Anfang mehrere Schutzsysteme ab, wenn die Geschwindigkeitssonden vereisen. Und ein Höhenruder stellte sich computergesteuert auf Steigflug.

Eine Information allerdings hat Barbara Crolow und die meisten Angehörigen beruhigt: ganz offenbar hat keiner der Passagiere mitbekommen, dass das Flugzeug im freien Fall war. „Wir haben darüber gesprochen, dass das wirklich ein großer Trost für uns ist, dass die Passagiere und wahrscheinlich auch nicht mal die Besatzung etwas von der nahenden Katastrophe mitbekommen haben“, so Crolow.

Original, Google Cache, archive.org

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