Verlierer auf beiden Seiten

Mit der Lage an den beiden Grenzübergängen zwischen dem Kosovo und Serbien ist niemand zufrieden: Die Serben fühlen sich von der KFOR benachteiligt, auch die Kosovaren sind frustriert. Der UN-Sicherheitsrat lehnte unterdessen einen Antrag Serbiens auf eine Sondersitzung ab.

Von Ralf Borchard, ARD-Hörfunkstudio Südosteuropa

KFOR-Kontrollen am kosovarisch-serbischen Grenzübergang Jarinje
KFOR-Kontrollen am kosovarisch-serbischen Grenzübergang Jarinje

Enttäuschung und Empörung auf serbischer Seite nach vierstündigen Verhandlungen mit dem deutschen KFOR-Kommandeur Erhard Bühler: Das Verhandlungsergebnis sei schlecht für Serbien, sagte der serbische Kosovo-Minister Borislav Stefanovic. Die Schutztruppe habe sich ganz auf Seiten Kosovos gestellt.

Die KFOR wolle durchsetzen, dass die beiden strittigen Grenzübergänge Jarinje und Brnjak künftig unter Kontrolle der Regierung in Pristina stünden, sagte er weiter. Genau das hatte zuvor auch das kosovarische Parlament verlangt.

Die serbische Seite will dagegen den Zustand vor Ausbruch des jüngsten Konflikts wieder herstellen, als serbische Waren ungehindert über die Grenze in den Nordteil des Kosovo kamen. Das serbische Parlament in Belgrad will morgen zu einer Sondersitzung zusammenkommen.

Sendungsbild
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  • Grenzstreit Kosovo: KFOR-Soldaten sichern Grenze zu Serbien
  • Länge: 0:01:57
  • Datum: 2011-07-29T01:21:00.000+02:00

„Ein hässliches Bild. Alles ist abgebrannt.“

Die beiden strittigen Grenzübergänge werden zunächst weiter von schwerbewaffneten US-amerikanischen und französischen KFOR-Soldaten kontrolliert. Die meisten Serben, die am schwer verwüsteten Übergang Jarinje ankommen, nehmen es gelassen: „Sie lassen uns durch, nur die Busse werden nicht durchgelassen, sagt ein Mann. Ein anderer meint: „Es ist nicht so schlimm, ich komme gerade zurück. Allerdings durchsucht die KFOR alle.“ Und ein dritter Mann sagt: „Die Kontrollen machen uns nichts aus. Wir sind Einheimische, wir sind daran gewöhnt.“ Und er findet: „Das ist schon sehr schlimm. Ein hässliches Bild. Alles ist abgebrannt.“

Viele hier vermuten, dass die Randalierer die den Grenzposten vorgestern Abend in Brand steckten, von ganz bestimmten serbischen Interessengruppen angestiftet wurden – Gruppen im Nordteil des Kosovo, aber auch in Serbien selbst. Spekuliert wird über den serbischen Geheimdienst, der ins Schmuggelgeschäft mit lokalen Familienclans verstrickt sein soll, und über nationalistische serbische Parteien, die im Vorfeld der anstehenden Parlamentswahlen in Serbien aus dem Thema Kosovo Kapital schlagen wollen.

Der serbischen Regierung haben die Unruhen dagegen eher geschadet, sie wirken als Bremsklotz auf dem angestrebten Weg zu Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union.

Karte: Kosovo

Frustration in Pristina

In der Kosovo-Hauptstadt Pristina ist unter der kosovo-albanischen Bevölkerungsmehrheit ebenfalls starke Frustration zu spüren, obwohl Regierungschef Hashim Thaci derzeit im Grenzkonflikt Stärke zu demonstrieren versucht.

Eine Ärztin spricht für viele Kosovo-Albaner, wenn sie sich von Serbien gegängelt und von Europa im Stich gelassen fühlt: „Die Situation im Kosovo ist zum Verzweifeln.“ Mit Blick auf den diese Woche getöteten kosovarischen Polizist fügt sie hinzu: „Zwölf Jahre nach Kriegsende und drei Jahre nach der offiziellen Unabhängigkeit von Serbien sollten wir nicht mehr von serbischen Kriminellen getötet werden.“

Zum anderen unterstütze die Europäische Union das Kosovo nicht in dem Maß, in dem sie das sollte: „Obwohl die allermeisten EU-Länder Kosovos Unabhängigkeit anerkannt haben, unterstützt uns Europa nicht genug, damit wir unser Land schützen und unsere Grenzen kontrollieren können.“

Der deutsche KFOR-Kommandeur Erhard Bühler nennt die Situation im Kosovo derzeit „angespannt ruhig“. Noch im Laufe des Tages will Bühler mit serbischer wie kosovarischer Seite weiter verhandeln.

Worum geht es bei dem Grenzstreit?

Hintergrund des aktuellen Konflikts ist der Streit um die Kosovo-Zollstempel, die Serbien nicht anerkennen will. Begründung: Kosovo sei kein selbstständiger Staat, sondern nach wie vor eine serbische Provinz. Folge: Waren aus dem Kosovo können nicht nach Serbien gelangen. Die Kosovo-Regierung hat deshalb ein Importverbot für serbische Waren verhängt. Während dieses Verbot an anderen Grenzübergängen durchgesetzt wurde, lief der Handel über die beiden jetzt eingenommenen Übergänge reibungslos. Wegen des Streits ruhen auch die von der EU vermittelten Verhandlungen zwischen beiden Seiten in Brüssel.

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