Hürden auf dem Weg zum friedlichen Zusammenleben

Die jüngsten Ausschreitungen an der kosovarisch-serbischen Grenze haben es erneut gezeigt: Spannungen zwischen Serben und Albaner gibt es in der Region nach wie vor. Und es braucht weit mehr als die Kosovo-Schutztruppe KFOR, um den seit Jahrhundert währenden Konflikt zu befrieden.

Von Andrea Mühlberger, ARD-Hörfunkstudio Südosteuropa

150 Millionen Euro pumpt allein die EU jedes Jahr ins Kosovo. Doch von Sicherheit und Normalität ist die Region noch weit entfernt. Das kleine Land auf dem Balkan bleibt ein Dauer-Krisenherd mitten in Europa. Es geht um Probleme, die mit Geld allein nicht gelöst werden können. Zwei Völker streiten um dasselbe Territorium.

Die Kosovo-Albaner berufen sich auf ihre über 2500-jährige Geschichte und ihre illyrischen Vorfahren. Die Serben beziehen sich auf ein Königreich, dessen Herzstück im Mittelalter Kosovo war. Orthodoxe Klöster und Kirchen zeugen bis heute von dieser Blütezeit der serbischen Kultur. Doch im Juni 1389 kam es zum verheerenden Untergang, als die Serben in der Schlacht auf dem Amselfeld von den Osmanen besiegt wurden.

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  • Grenzstreit Kosovo: KFOR-Soldaten sichern Grenze zu Serbien
  • Länge: 0:01:57
  • Datum: 2011-07-29T01:21:00.000+02:00

Genau sechshundert Jahre später wurde deutlich, dass die Serben ihre Macht im Kosovo nie aufgegeben hatten: Der nationalistische Präsident Slobodan Milosevic hielt auf dem Amselfeld seine berüchtigte Rede, in der er seine serbischen Landsleute zu Helden verklärte.

Auftakt für ethnischen Säuberungen

Bald stellte sich heraus: Dieser Auftritt war nur die donnernde Ouvertüre zu Milosevics Politik der ethnischen Säuberungen auf dem Balkan. Die Kosovo-Albaner verloren ihren Autonomie-Status. Parlament und Regierung wurden aufgelöst. Die albanische Sprache an Schulen verboten. Viele Albaner wurden entlassen. Die Bevölkerung leistete zunächst friedlichen Widerstand.

Dann sorgten Anschläge der Kosovo-Befreiungsarmee UCK für kriegsähnliche Zustände. Die Serben vertrieben gewaltsam bis zu 800.000 Albaner. Bis die Nato im Frühjahr 1999 den blutigen Konflikt mit Luftangriffen beendete und Milosevic`s Soldaten aus dem Land jagte. Kosovo, die frühere südserbische Provinz, wurde unter internationale Verwaltung gestellt.

Serbischer Bevölkerungsanteil im Kosovo geschrumpft

Mit der jugoslawischen Armee verließen auch viele Serben ihre Heimat. Auf rund 100.000 ist die Zahl der Serben im Kosovo inzwischen geschrumpft, auf nicht einmal zehn Prozent der Gesamtbevölkerung.

Karte: Kosovo

Die serbische Minderheit lebt übers ganze Land verstreut, abgeschottet in Dörfern. Oder im Norden des Landes, in der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica. Dieses Gebiet gehört zwar territorial zu Kosovo. Doch die Serben dort weigern sich hartnäckig, die von inzwischen fast achtzig Staaten anerkannte Unabhängigkeit Kosovos als Realität anzunehmen. Ihre Autos haben serbische Nummernschilder. Bezahlt wird in Dinar. Sogar Strom, Gehälter und ihre Rente beziehen viele Kosovo-Serben über Belgrad.

Der Norden Kosovos ist die Achilles-Verse der Region. Wenn es zu Ausschreitungen kommt, nehmen sie meist hier ihren Ausgang. Doch das Gebiet ist schwer unter Kontrolle zu halten. In einem quasi rechtsfreien Raum blühen Schmuggel, Korruption und Menschenhandel. Der internationale Ruf des jungen Staates ist denkbar schlecht.

Leidtragende sind vor allem die Jugendlichen beider Seiten

Ausbaden muss das die junge Bevölkerung, die als einzige auf dem Balkan noch keine Visafreiheit in Schengen-Staaten hat. Auch sonst sieht die Zukunft Jugendlicher im Kosovo nicht gerade rosig aus: Ein Großteil findet keine Arbeit – ein Problem, das beide Bevölkerungsgruppen verbindet.

Doch das Verhältnis zwischen Albanern und Serben hat sich seit der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo vor drei Jahren nur langsam entspannt. Eine konfliktreiche Geschichte, geprägt von Misstrauen und Vorwürfen, ist ein guter Nährboden für gewaltsame Zwischenfälle. Immer wieder mussten Soldaten der Internationalen Schutztruppe KFOR ausrücken, um zu verhindern, dass die beiden Ethnien aneinander geraten. Das Beispiel Grenzstreit hat in diesen Tagen gezeigt, dass die NATO-Soldaten in der Region durchaus noch gebraucht werden.

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